Neue Anlagen des Kohleumschlagkomplexes Lawna in Murmansk wurden im Rahmen der nächsten Ausbauphase des Kohleterminals in Betrieb genommen. Zusammen mit bereits bestehenden Anlagen erhöht sich die Produktionskapazität des Hafens auf 12 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr. Dies entspricht 67 % der geplanten Kapazität des Lawna-Terminals, wie die staatliche Transportleasinggesellschaft GTLK mitteilte.
Der Hafen Lawna bei Murmansk sollte zu einem der bedeutendsten Kohleexportterminals Russlands werden. Als zentraler Bestandteil des Verkehrsknotenpunkts Murmansk war der moderne, eisfreie Tiefwasserhafen dafür vorgesehen, russische Kohleexporte verstärkt über die nördlichen Schifffahrtsrouten abzuwickeln und neue Absatzmärkte in Asien und Indien zu erschließen. Das Projekt wurde über fast zwei Jahrzehnte geplant und mit Milliardeninvestitionen umgesetzt.
Als das Terminal schließlich den Betrieb aufnahm, hatten sich die wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend verändert. Nach Beginn des Ukraine-Krieges verloren russische Kohleproduzenten wichtige Absatzmärkte in Europa. Die Exportmengen gingen zurück, Transportwege wurden komplizierter und das Interesse privater Investoren nahm deutlich ab. Ein Projekt, das ursprünglich von großen Kohleunternehmen unterstützt wurde, konnte letztlich nur mithilfe staatlicher Kredite, Subventionen und weiterer Vergünstigungen fertiggestellt werden.
Das größte Problem des Hafens ist heute der Mangel an Fracht. Lawna wurde für einen jährlichen Kohleumschlag von 18 Millionen Tonnen ausgelegt. Tatsächlich wurden im Jahr 2025 jedoch lediglich rund eine Million Tonnen Kohle über das Terminal abgewickelt. Gleichzeitig sind die Kohleumschlagsmengen in Murmansk seit Jahren rückläufig. Im ersten Quartal 2026 lag der Umschlag deutlich unter den Vorjahreswerten und weit unter dem Rekordniveau von 2020.
Damit steht der Hafen vor einem grundlegenden Widerspruch: Er wurde für steigende Exportmengen gebaut, nahm seinen Betrieb jedoch in einer Phase schrumpfender Nachfrage auf. Bereits 2016 waren Teile des Verkehrsknotenpunkts Murmansk wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit gestoppt worden. Nun stellt sich dieselbe Frage erneut – allerdings erst nach Investitionen in Milliardenhöhe.
Auch finanziell geriet das Projekt zuletzt unter Druck. Medienberichten zufolge hat der Hauptauftragnehmer TEK Mosenergo Schwierigkeiten bei der Begleichung von Zahlungen an Subunternehmer. Zudem stellte die russische Rechnungskammer bei einer Prüfung des Gesamtprojekts finanzielle Unregelmäßigkeiten bei der Umsetzung durch die zuständige staatliche Behörde fest.
Die Idee für den Hafen entstand bereits Mitte der 2000er-Jahre. Neben wirtschaftlichen Zielen spielte auch der Umweltschutz eine wichtige Rolle. Der offene Kohleumschlag im Stadtgebiet von Murmansk verursachte über Jahre hinweg erhebliche Belastungen durch Kohlenstaub. Lawna wurde deshalb als moderne Alternative am gegenüberliegenden Ufer der Kola-Bucht errichtet. Geschlossene Entladeanlagen, überdachte Förderbänder und Staubschutzsysteme sollten die Umweltbelastung reduzieren und die Lebensqualität der Einwohner verbessern.
Heute bleibt jedoch ungewiss, ob sich die milliardenschweren Investitionen jemals auszahlen werden. Statt als Symbol für den Ausbau der russischen Exportinfrastruktur gilt Lawna inzwischen vielen Beobachtern als Beispiel dafür, wie schnell sich langfristige Wirtschaftsprognosen durch geopolitische Umbrüche und veränderte Marktbedingungen überholen können.
Heiner Kubny, PolarJournal