Vier Schweizer Abenteurer starten die Expedition Arctic Row 2026 um Mitternacht in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 2026 von Spitzbergen aus. Ihr Ziel ist eine historische, mehr als 3.000 Kilometer lange Ruderexpedition aus eigener Kraft bis zur Eiskante und anschließend weiter bis zum schottischen Festland.
Nach ihrer Ankunft auf Spitzbergen am Montag, dem 29. Juni, verließ das Team von Arctic Row 2026 um Mitternacht in der Nacht von Freitag auf Samstag den Hafen von Longyearbyen und begann damit eine anspruchsvolle Ruderexpedition in einer der letzten großen Herausforderungen des Ozeanruderns: dem Arktischen Ozean. Das vierköpfige Team, bestehend aus Florian Ramp, Roman Möckli, Ben von Mitzlaff und Frederik Jacobs, wird zunächst in Richtung Ny-Ålesund rudern, bevor es weiter nach Norden bis an den Rand des Polareises geht. Dort hofft die Mannschaft, den aktuellen Weltrekord für die nördlichste Breite zu brechen, die jemals von einem Ruderboot in arktischen offenen Gewässern erreicht wurde. Dieser liegt derzeit bei 79° 55′ 500“ N und wurde 2017 von einem vierköpfigen Team auf der Strecke von Longyearbyen nach Jan Mayen aufgestellt. Für das diesjährige Team ist Jan Mayen hingegen erst der zweite Wegpunkt nach dem Erreichen der Eiskante. Anschließend soll die Expedition weiter zur Ostspitze Islands führen, danach an den Färöern vorbeiziehen und schließlich im Norden Schottlands enden. Insgesamt wird die Reise rund 3.100 Kilometer umfassen und voraussichtlich zwischen 40 und 60 Tagen dauern. Das entspricht einer durchschnittlichen Tagesleistung von etwa 120 Kilometern. Kurz vor dem Start hatte das Team von Polar Journal Gelegenheit, mit den Mitgliedern von Arctic Row 2026 zu sprechen.
Nach der Ankunft in Longyearbyen – wie sahen die letzten Tage der Vorbereitung aus?
Ben:
Nach unserer Ankunft am Montag haben wir zunächst das Boot zu Wasser gelassen und alles überprüft. Sind alle Werkzeuge an Bord? Ist das Boot richtig beladen? Haben wir wirklich alles dabei? Ist jeder Karabiner an seinem Platz befestigt? Das hat letztlich deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet. Außerdem mussten wir noch die letzten Einkäufe erledigen und eine Probefahrt machen.
Frederik:
Es war bereits zwei Monate her, seit wir das Boot nach Longyearbyen verschifft hatten, und einige Abläufe waren etwas eingerostet. Wie wechselt man die Ruderbesatzung? Wie richtet man die Kabine ein? Außerdem hatte sich in unserer Entsalzungsanlage Algenbewuchs gebildet, sodass wir sie auseinanderbauen und reinigen mussten. Insgesamt ging es darum, uns wieder mit dem Boot vertraut zu machen.
Bis an die Eiskante zu rudern ist eine enorme Herausforderung. Wie kommt man auf einen so verrückten Plan?
Roman:
Florian und ich kennen uns tatsächlich von der Atlantiküberquerung im Rahmen von The World’s Toughest Row. Florian nahm 2019 teil, ich 2021. So kam ich überhaupt mit dem Ozeanrudern in Kontakt und machte dabei großartige Erfahrungen. Danach stellte sich die Frage: Was kommt als Nächstes? Die Atlantiküberquerung war beeindruckend, aber auch eine Pazifiküberquerung wäre letztlich ein ähnliches Erlebnis gewesen. Deshalb wollten wir etwas völlig anderes machen. The World’s Toughest Row ist zudem ein Rennen, bei dem der Wettkampf im Mittelpunkt steht. Uns reizte jedoch vielmehr der Entdeckergeist. Wir wollten etwas versuchen, das noch niemand zuvor geschafft hat. Nachdem ich eine Dokumentation über Olly Hicks und George Bullard gesehen hatte, die mit dem Kajak von Grönland nach Schottland paddelten, war ich von der beeindruckenden Natur fasziniert. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass auf dieser Strecke noch etwas fehlte. So entstand die Idee, auf Spitzbergen zu starten, zunächst nach Norden bis an die Eiskante zu rudern und anschließend den langen Weg nach Schottland anzutreten. Dort erwarten uns unberührte Natur und eine Route, die bislang noch niemand mit einem Ruderboot bewältigt hat.
Wie habt ihr euch – als Team und individuell – auf die Expedition vorbereitet?
Ben:
Wir haben das Training Schritt für Schritt gesteigert. Die Einheiten dauerten zunächst einige Stunden und später teilweise bis zu 40 Stunden am Stück. Darüber hinaus absolvierte jeder von uns viel individuelles Training, insbesondere im körperlichen Bereich. Außerdem trafen wir uns einmal pro Woche – immer freitags um 12:15 Uhr – zu einem Teammeeting, bei dem wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand brachten und besprachen, wer welche Aufgaben erledigt hatte.
Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Roman:
Ich habe Flo während des Rennens kennengelernt. Er hatte bereits zwei Jahre vor mir teilgenommen. Er war dieser verrückte Schweizer, der ursprünglich zu zweit gestartet war, das Rennen aber allein beendete, weil sein Partner wegen Seekrankheit aufgeben musste. Ich fragte ihn nach seinen Erfahrungen und konnte viel von ihm lernen. Er gab mir wertvolle Tipps zum Projektmanagement und Fundraising. Ich hatte sofort den Eindruck, dass er ein offener und hilfsbereiter Mensch ist – so entstand unser Kontakt. Flo brachte später Frederik ins Team, und ich brachte Ben mit. Ben und ich kennen uns aus der Schweizer Armee, während Flo und Frederik sich vom Rudern kennen.
Da sich das Meereis jedes Jahr weiter zurückzieht – wie weit nach Norden seid ihr bereit zu rudern?
Ben:
Unser derzeitiger Plan ist, mindestens den 80. Breitengrad Nord zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, dass wir dort umkehren werden. Unser Ziel ist es, bis an die Eiskante zu gelangen und – sofern es die Sicherheit zulässt – so weit wie möglich nach Norden zu rudern.
Wie sieht der Alltag an Bord aus?
Frederik:
Das Leben an Bord folgt einem festen Zwei-Stunden-Rhythmus: Zwei Stunden rudern, zwei Stunden schlafen oder andere Aufgaben erledigen – und das rund um die Uhr, jeden Tag, bis wir unser Ziel erreicht haben. Natürlich gehört mehr dazu als nur Schlafen: Wir kochen, räumen auf und halten täglich ein Teammeeting ab. Ansonsten begegnet man meist nur der Person aus der eigenen Kabine – das Boot verfügt über zwei Kabinen, eine im Bug und eine im Heck – und auch das nur kurz beim Schichtwechsel.
Es klingt, als wäre man trotz vier Personen an Bord oft auf sich allein gestellt. Wie haltet ihr die Motivation aufrecht?
Florian:
Eigentlich geht es gar nicht so sehr um Motivation. Es geht vielmehr darum, seine Schicht zu rudern. Man möchte seine Teamkollegen nicht im Stich lassen oder zu spät zur eigenen Schicht erscheinen – ganz unabhängig davon, ob man gerade Lust hat zu rudern oder nicht. Natürlich gilt das nicht, wenn jemand gesundheitliche Probleme hat.
Frederik:
Wir sitzen zwar gemeinsam in einem Boot, aber jeder muss seinen eigenen Beitrag leisten. Wir tragen Verantwortung füreinander – dafür, dass wir rudern, die Expedition erfolgreich beenden und am Ende immer noch als Freunde gemeinsam an Land gehen.
Roman:
Rudern kann tatsächlich etwas sehr Meditatives sein. Man wiederholt immer wieder dieselbe Bewegung. Da gibt es doch Maslows Bedürfnispyramide: Ganz unten stehen die Grundbedürfnisse wie Schlaf, Sicherheit und Nahrung, ganz oben die Selbstverwirklichung. Während dieser Expedition kehrt man im Grunde auf die unterste Ebene dieser Pyramide zurück. Es geht um Kameradschaft, Gesundheit und die einfachen Dinge des Lebens. Viele Dinge, die im Alltag wichtig erscheinen, verlieren plötzlich an Bedeutung. Stattdessen konzentriert man sich auf das Wesentliche. Wie sich das auf die Psyche auswirkt, ist allerdings bei jedem Menschen unterschiedlich.
Florian:
Ich glaube, man hat dort draußen sehr viel Zeit, über das eigene Leben nachzudenken und vieles zu reflektieren. Vielleicht stellt man dabei fest, dass man bestimmte Dinge, die man bisher immer getan hat, künftig gar nicht mehr machen möchte. Mir wird dabei bewusst, dass wir nur dieses eine Leben haben. Deshalb sollte man wirklich das tun, was man selbst tun möchte – und nicht versuchen, das Leben anderer zu leben oder ständig den Erwartungen anderer gerecht zu werden.
Plant ihr unterwegs überhaupt, irgendwo an Land zu gehen?
Ben:
In Schottland – und in Ny-Ålesund. Das wird unser letzter Stopp sein, bevor wir die Zivilisation hinter uns lassen.
Florian:
Wie lange wir dort bleiben können, lässt sich allerdings nicht sagen. Das hängt ganz vom Wetter ab. Wir hoffen, möglichst zügig voranzukommen, denn sobald wir unseren Rhythmus gefunden haben, möchten wir ihn beibehalten. Gleichzeitig geht es uns darum, das Risiko möglichst gering zu halten. Wenn wir beispielsweise zwei Tage stabiles Wetter haben, bevor wir die Eiskante erreichen, lässt sich das deutlich besser planen.
Wird es nicht verlockend sein, unterwegs einfach aufzuhören – besonders wenn ihr so nah an Jan Mayen und später an Island vorbeikommt?
Florian:
So weit kann man auf See meistens gar nicht sehen. Das wird unsere Route letztlich mitbestimmen. Aufgrund der Erdkrümmung ist Land oft überhaupt nicht sichtbar. Wahrscheinlich ist es sogar besser, wenn man gar nicht erst in Versuchung kommt. Je nach Wetter könnte es allerdings sein, dass wir in der Nähe der Färöer vorbeirudern. Das wäre landschaftlich wunderschön. Von dort sind es dann nur noch etwa 300 bis 400 Kilometer bis nach Schottland. Da kann man sich sagen: Diese letzten Kilometer schaffen wir auch noch. Bei Jan Mayen sieht das anders aus – dort liegen immer noch rund 1.300 Kilometer vor uns. Jan Mayen ist deshalb wohl die größere Versuchung. Gleichzeitig hilft uns die Route, die Expedition in einzelne Etappen einzuteilen. Man weiß dann: Jetzt sind wir für zwei Tage, fünf Tage oder zehn Tage in diesem Abschnitt. Das macht die gesamte Reise auch mental leichter. Im Alltag an Bord ändert sich dadurch allerdings nichts.
Eine Expedition so weit im Norden birgt erhebliche Risiken, insbesondere in einem kleinen Ruderboot. Wie bereitet ihr euch auf Gefahren wie Eisbären und andere Risiken vor?
Frederik:
Ich denke, das größte Risiko sind wir selbst – nicht das Boot. Das Boot ist im Grunde wie ein Rettungsboot konstruiert. Es kann kentern, sich überschlagen und richtet sich anschließend wieder selbst auf. Wenn an Bord etwas passiert, dann liegt das meist an einem menschlichen Fehler. Zum Beispiel, wenn jemand eine Luke offen lässt, eine Welle hereinkommt und das Boot vollläuft. Der beste Weg, Risiken zu minimieren, ist eine gute Ausbildung und sorgfältige Vorbereitung. Genau das haben wir gemacht. Dazu gehört unter anderem ein Waffentraining mit Ben, der Umgang mit einer Signalpistole zur Abwehr von Eisbären und das Durchspielen verschiedener Notfallszenarien. Wir wissen, was zu tun ist, wenn wir einem Eisbären begegnen. Wir wissen, wie wir auf ein Leck im Boot reagieren müssen oder wenn das Wetter plötzlich umschlägt. Außerdem sind wir bei diesem Projekt nicht auf uns allein gestellt. Im Hintergrund begleitet uns ein ganzes Team. Einer unserer Meteorologen beobachtet täglich die Wetterentwicklung für uns. Zusätzlich gibt es eine Person, die für unsere Sicherheit verantwortlich ist. Sie fungiert im Ernstfall als zentrale Ansprechperson und koordiniert die Kommunikation mit Rettungsdiensten, Angehörigen und allen weiteren Beteiligten.
Wie können unsere Leser eure Expedition verfolgen und unterstützen?
Frederik:
Die Expedition kann vor allem auf zwei Wegen verfolgt und unterstützt werden: über Instagram unter @TeamArcticRow, wo sich auch der Link zur GoFundMe-Kampagne befindet und regelmäßig Updates erscheinen, sowie über die Website TeamArcticRow.ch. Dort finden Interessierte einen Live-Tracker, weitere Informationen zur Expedition sowie verschiedene Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen.
PolarJournal, Dr. Jan-Benedict Spannenkrebs