Wer an Spitzbergen denkt, hat meist Eisbären, Rentiere, Polarfüchse und karge Tundralandschaften vor Augen. Kaum jemand würde vermuten, dass auch Blattläuse zu den Bewohnern des hohen Nordens gehören. Doch genau diese unscheinbaren Insekten stehen im Mittelpunkt der Forschung von Prof. Karina Wieczorek von der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Schlesien.
Bisher wurden auf Spitzbergen lediglich drei Blattlausarten nachgewiesen: Sitobion calvulus, Acyrthosiphon svalbardicum und eine Art der Gattung Pemphigus. Sie gehören zu den nördlichsten bekannten Blattläusen der Erde und kommen ausschließlich auf dem arktischen Archipel vor. Damit zählen sie zu den endemischen Arten, die nirgendwo sonst auf der Welt leben.
Besonders faszinierend ist ihre extreme Spezialisierung. Jede dieser Blattlausarten ist ein sogenannter strikter Monophage und nutzt ausschließlich eine einzige Wirtspflanze. Ohne diese Pflanze könnten die Insekten weder überleben noch sich fortpflanzen. Obwohl die Zwergstrauchart Dryas octopetala – die Silberwurz – auch in Gebirgen wie den Alpen oder der Hohen Tatra wächst, fehlen dort die Spitzbergen-Blattläuse vollständig. Offenbar müssen neben der Wirtspflanze weitere, bislang unbekannte Umweltbedingungen erfüllt sein.
Die Suche nach den winzigen Insekten ist ausgesprochen mühsam. Die Vegetationsperiode auf Spitzbergen dauert lediglich von Mitte Juni bis Ende August. Innerhalb dieser kurzen Zeit müssen die Blattläuse fressen, wachsen und sich vermehren. Für Wissenschaftler bedeutet dies stundenlange, oft erfolglose Suche in der Tundra, bei der jede einzelne Wirtspflanze sorgfältig untersucht werden muss.
Während einer Expedition im August 2018 sammelte Prof. Wieczorek nach intensiver Feldarbeit lediglich rund 100 Weibchen und 16 Männchen. Darunter befanden sich sogar drei sich paarende Paare, ein außergewöhnlich seltener Fund, der erstmals detaillierte Untersuchungen des Fortpflanzungssystems dieser arktischen Spezialisten ermöglichte.
Wie die Blattläuse ursprünglich nach Spitzbergen gelangten, ist bis heute ungeklärt. Ebenso rätselhaft bleibt, weshalb sie ausschließlich in bestimmten Regionen rund um zwei Fjorde vorkommen. Genau diese offenen Fragen machen die kleinen Insekten für die Wissenschaft so spannend.
Die Forschung von Prof. Karina Wieczorek zeigt eindrucksvoll, dass selbst in den lebensfeindlichsten Regionen der Erde hoch spezialisierte Organismen existieren. Die winzigen Blattläuse Spitzbergens liefern wertvolle Hinweise darauf, wie sich Insekten an extreme Umweltbedingungen anpassen und wie empfindlich solche einzigartigen Ökosysteme auf Veränderungen des Klimas reagieren könnten.
Rosamaria Kubny, PolarJournal