Norwegen will seine Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee weiter erschließen, auch wenn die Europäische Union neuen fossilen Projekten in der Arktis kritisch gegenübersteht. Energieminister Terje Aasland machte deutlich, dass Oslo die Entwicklung der arktischen Ressourcen langfristig für notwendig hält.
Norwegen möchte seine Öl- und Gasförderung und die Exporte möglichst bis 2035 auf hohem Niveau halten. Ohne neue Funde dürfte die Produktion nach 2030 jedoch deutlich zurückgehen. Deshalb rücken die bislang nur teilweise erschlossenen Vorkommen in der Barentssee stärker in den Mittelpunkt.
Seit dem weitgehenden Wegfall russischer Energielieferungen ist Norwegen für Europa noch wichtiger geworden. Das Land deckt inzwischen rund 30 Prozent des Gasbedarfs der EU und Großbritanniens. Für Oslo ist die weitere Nutzung der Barentssee deshalb sowohl eine wirtschaftliche als auch eine strategische Frage.
Oslo entscheidet unabhängig von Brüssel
Die EU unterstützt bislang einen Stopp neuer Öl- und Gaserschließungen in der Arktis aus Klima- und Umweltschutzgründen. Angesichts der veränderten geopolitischen Lage wird diese Position jedoch überprüft.
Aasland erklärte gegenüber Reuters, Norwegen werde unabhängig von der Haltung der EU über seine Ressourcen entscheiden. Sollte Europa Öl oder Gas aus der Barentssee nicht beziehen wollen, könnten die Rohstoffe auch auf anderen Märkten verkauft werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die LNG-Anlage Melkøya bei Hammerfest. Von dort kann verflüssigtes Erdgas per Schiff weltweit exportiert werden. Auch Equinor sieht deshalb erhebliches Potenzial im hohen Norden.
Kritiker warnen dagegen vor den Folgen zusätzlicher fossiler Projekte für Klima und empfindliche arktische Ökosysteme. Zudem benötigen neue Förderfelder viele Jahre bis zur Produktionsreife.
Für Norwegen scheint die Richtung dennoch klar: Soll das Land auch in den 2030er-Jahren einer der wichtigsten Energielieferanten Europas bleiben, dürfte die Barentssee weiter an Bedeutung gewinnen.
Heiner Kubny, PolarJournal