Selbst Wintereis stoppt Grönlands Gletscher nicht

von Heiner Kubny
10/15/2026

Dichtes Pack aus Meereis und Eisbergen vor dem Melville-Gletscher in Nordwestgrönland. Der Gletscher drückt die Eis-Mélange zusammen und erzeugt dabei Risse und aufgeschobene Eisrücken. Die neue Studie zeigt, dass der Gletscher trotz dieser winterlichen Eisdecke weiterhin kalben kann. (Foto: Hedetoft et al. / The Cryosphere, CC BY 4.0)

Auch dichtes Meereis kann Grönlands Gletscher nicht vollständig zurückhalten. Neue Messungen aus Nordwestgrönland zeigen, dass Gletscher selbst mitten im Winter Eisberge abbrechen, obwohl ihre Fronten von festem Meereis und dicht gepackten Eisbergen umgeben sind.

Ein Forschungsteam um Sofie Hedetoft vom Dänischen Meteorologischen Institut (DMI) untersuchte die drei Gletscher Tracy, Farquhar und Melville am Inglefield Fjord nahe Qaanaaq. Mit GPS-Bojen und Satellitendaten verfolgten die Forschenden über mehrere Jahre die Bewegung des Eises vor den Gletscherfronten. Die Studie erschien am 9. September 2026 in The Cryosphere.

Satellitenansicht des Untersuchungsgebietes am Inglefield Fjord in Nordwestgrönland. Die drei Gletscher Melville, Farquhar und Tracy münden hier dicht nebeneinander ins Meer. Vor ihren Fronten sammeln sich zahlreiche Eisberge, die im Winter zusammen mit dem Festeis eine dichte Eis-Mélange bilden. (Abb.: Hedetoft et al., The Cryosphere, 2026)

Im Winter bildet sich vor den Gletschern eine sogenannte Eis-Mélange: ein dichtes Gemisch aus Eisbergen, kleineren Eisstücken und Meereis. Zusätzlich friert die Oberfläche zu stabilem Festeis zusammen. Bislang wurde angenommen, dass diese Masse einen erheblichen Gegendruck auf die Gletscherfront ausübt und dadurch das Kalben stark vermindert.

Die neuen Beobachtungen zeigen jedoch, dass die Gletscher das ganze Jahr über weiterfließen und kalben. Selbst wenn das Festeis seine größte Ausdehnung und Dicke erreicht, registrierten die Forschenden einzelne Kalbungsereignisse.

Satellitenaufnahmen der Eis-Mélange vor den Gletschern Tracy, Farquhar und Melville im Inglefield Fjord in Nordwestgrönland. Die farbigen Punkte markieren die Positionen der GPS-Bojen, mit denen die Forschenden 2022 und 2023 die Bewegung des Eises vor den Gletscherfronten verfolgten. (Bild: Hedetoft et al. / The Cryosphere, CC BY 4.0; Satellitendaten: Copernicus Sentinel-2)

Im Sommer nimmt das Kalben deutlich zu

Ganz ohne Wirkung bleibt das winterliche Eis allerdings nicht. Nach dem Aufbrechen des Festeises im Frühsommer wurden die Bewegungen der Mélange stärker und Kalbungsereignisse häufiger. Die Forschenden vermuten deshalb, dass vor allem das Festeis den jahreszeitlichen Rhythmus des Kalbens beeinflusst, den Gletscher selbst aber nur begrenzt stabilisiert.

Die Ergebnisse sind für die Berechnung des zukünftigen Eisverlustes Grönlands wichtig. Wenn wärmere Winter zu dünnerem und kurzlebigerem Festeis führen, könnte sich der saisonale Ablauf des Kalbens verändern. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Vorgänge an den Gletscherfronten komplexer sind als bislang angenommen.

Das Eis vor den Gletschern wirkt offenbar weniger wie eine feste Barriere als vielmehr wie eine saisonale Bremse.

Heiner Kubny, PolarJournal