Antarktischer Eisverlust kaum noch zu verhindern

von Liam Anderson
10/23/2026

Die Karte zeigt, wo die schwimmenden Schelfeise der Antarktis an ihrer Unterseite Eis verlieren oder hinzugewinnen. Besonders starke Veränderungen treten in der Westantarktis und an der Antarktischen Halbinsel auf. Grundlage sind Satellitendaten der NASA-Missionen Terra und Aqua. (Grafik: NASA/JPL-Caltech/UC Irvine/Columbia University)

Der antarktische Eisschild wird bis Ende dieses Jahrhunderts mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter an Masse verlieren – selbst bei stark sinkenden Treibhausgasemissionen. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass das Ausmass des Eisverlusts weiterhin wesentlich vom künftigen Klimaschutz abhängt.

Ein internationales Forschungsteam um Yucheng Lin untersuchte, wie der antarktische Eisschild auf unterschiedliche Emissionsszenarien reagieren könnte. Die am 30. September 2026 in Nature Geoscience veröffentlichte Studie kommt zum Ergebnis, dass die Antarktis bis 2100 selbst bei starken Emissionsreduktionen mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 92 Prozent netto Eis verliert

Die mächtige Abbruchkante des Getz-Schelfeises in der Westantarktis. Die Aufnahme entstand im November 2010 während eines Forschungsfluges der NASA-Mission Operation IceBridge. Das Getz-Schelfeis gehört zu den Regionen, in denen starke Schmelzprozesse an der Eisunterseite beobachtet werden. (Foto: NASA / Dick Ewers)

Wie gross dieser Verlust ausfällt, hängt jedoch entscheidend von der weiteren Erwärmung ab. Laut Studie besteht eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 89 Prozent, dass ein sehr emissionsarmer Entwicklungspfad zu geringeren Eisverlusten führt als ein Szenario mit sehr hohen Emissionen.

Eine Schlüsselrolle spielen die schwimmenden Schelfeise entlang der antarktischen Küste. Sie bremsen die Gletscher auf ihrem Weg ins Meer. Schmelzen die Schelfeise durch wärmeres Meerwasser von unten, können die dahinterliegenden Eismassen schneller abfliessen.

Für ihre Untersuchung kombinierten die Forschenden zahlreiche Eisschildsimulationen mit maschinellem Lernen und Satellitenmessungen aus den Jahren 2002 bis 2021.

Schematische Darstellung der wichtigsten Prozesse, die den antarktischen Eisschild und seine Schelfeise beeinflussen. Wärmeres Meerwasser kann die schwimmenden Schelfeise von unten abschmelzen und ihre stabilisierende Wirkung verringern. Dadurch können Eisströme und Gletscher aus dem Landesinneren schneller zum Meer fließen. Die Grafik zeigt außerdem Kalbung, Schmelzwasserseen, Aufsetzbereiche und subglaziale Prozesse. (Grafik: Antarctica and the Earth System)

Bei sehr hohen Emissionen könnte die Antarktis bis 2100 in einem untersuchten Hochrisikobereich rund 15 Zentimeter, in einer höheren Abschätzung sogar etwa 25 Zentimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Diese Werte sind jedoch keine allgemeingültige Prognose und auch keine absolute Obergrenze.

Die Studie verdeutlicht: Ein weiterer Eisverlust der Antarktis ist kaum noch abzuwenden. Wie stark er ausfällt, lässt sich durch eine Begrenzung der globalen Erwärmung aber weiterhin beeinflussen.

Liam Anderson, PolarJournal