Wie Polarfüchse in Fennoskandinavien vor genetischer Verarmung bewahrt werden sollen

von Julia Hager
07/24/2025

Nach schweren Zeiten breiten sich Polarfüchse in Europas Norden dank gezielter Schutzmaßnahmen langsam wieder aus. Doch ihre genetische Vielfalt wächst nicht im gleichen Maß mit – nun sollen weitere Maßnahmen helfen, Inzucht zu verringern.

Die eleganten Polarfüchse, hier im Winterkleid, leben nicht nur in der Hohen Arktis, sondern durchstreifen auch die Tundra Fennoskandinaviens – also Norwegen, Schweden und Finnland. Foto: Michael Wenger

Ihr schneeweißes Winterfell, das zu den feinsten und wärmsten zählt, wurde den hübschen Polarfüchsen vielerorts zum Verhängnis: Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden sie wegen ihres begehrten Pelzes rücksichtslos gejagt – in vielen Regionen fast bis zur Ausrottung. Erst ab den 1920er Jahren wurde die Jagd eingeschränkt und nach und nach stellte man die Art unter Schutz. Doch die Populationen erholten sich in den folgenden Jahrzehnten kaum.

Auch in Norwegen, Schweden und Finnland fielen tausende Polarfüchse den Pelzjägern zum Opfer. Einst weit verbreitet in Fennoskandinavien, waren sie nach dem Ende der Jagd vom Aussterben bedroht – nicht nur aufgrund der jahrzehntelangen Übernutzung, sondern auch durch indirekte Einflüsse wie vergiftete Köder, die eigentlich für Wölfe ausgelegt worden waren. 

Die verbliebenen Polarfüchse bildeten über viele Jahrzehnte hinweg kleine, isolierte Populationen, die so stark dezimiert und fragmentiert waren, dass sie sich aus eigener Kraft kaum erholen konnten. Erschwerend kam hinzu, dass der Rotfuchs immer weiter in den Lebensraum der Polarfüchse vordrang – vermutlich infolge des Klimawandels. Dort wurde er nicht nur zum Nahrungskonkurrenten, sondern stellte auch eine direkte Bedrohung dar: Rotfüchse machen gelegentlich Jagd auf die Jungen der Polarfüchse.

Zu den weiteren Ursachen für die stagnierende Populationsgröße zählen auch die stark schwankenden Lemmingbestände, die zunehmend durch den Klimawandel beeinflusst werden. Lemminge stellen die wichtigste Nahrungsquelle der Polarfüchse dar. Bricht in einem Jahr die Lemmingpopulation ein, bleibt auch der Nachwuchs bei den Füchsen aus. 

Der dramatische Rückgang der Polarfuchspopulation ging auch mit einem erheblichen Verlust genetischer Vielfalt einher. Innerhalb der weit voneinander entfernten Subpopulationen kommt es immer häufiger zu Inzucht, die zu kleineren Würfen und einer verkürzten Lebensdauer erwachsener Tiere führen kann.

Der seltenere Blaufuchs ist ganzjährig dunkel gefärbt, im Sommer meist einfarbig braun oder graubraun – sein Name bezieht sich auf einen bläulichen Schimmer, der jedoch nicht immer deutlich zu erkennen ist. Foto: Julia Hager

Laut einem aktuellen Bericht des Norwegischen Instituts für Naturforschung (NINA) lebten im Jahr 2000 in ganz Skandinavien nur noch 40 bis 60 erwachsene Polarfüchse. Um die Art vor einem lokalen Aussterben zu bewahren, rief die norwegische Umweltbehörde in Zusammenarbeit mit NINA und weiteren Partnern im Jahr 2005 ein Zuchtprogramm in Gefangenschaft ins Leben – mit großem Erfolg. 

Hunderte Jungfüchse wurden seither in der Zuchtstation in Sæterfjellet in der Nähe von Oppdal, Norwegen, aufgezogen und in verschiedenen Gebieten in die Wildnis entlassen, um die vorhandenen Subpopulationen zu verstärken bzw. neue zu etablieren. Künftig sollen dabei gezielt Tiere ausgewählt werden, die genetisch möglichst wenig mit den bereits vorkommenden Füchsen verwandt sind.

Auswilderung von 25 Polarfüchsen im Jahr 2022, die im Zuchtprogramm aufgezogen wurden. Video: NINA

«Wir empfehlen, Gebiete zu priorisieren, in denen die effektive Populationsgröße besonders gering ist oder in denen die Inzucht zunimmt. Die effektive Populationsgröße ist ein Maß dafür, wie genetisch robust eine Population ist. Sie wird unter anderem durch den Anteil der erwachsenen Polarfüchse beeinflusst, die Nachkommen zeugen und damit ihre Gene weitergeben», erklärt Øystein Flagstad, Genetiker am NINA und Hauptautor des Berichts, in einer Pressemitteilung des Instituts.

Als zusätzliche Schutzmaßnahmen wurden Fütterungsstationen eingerichtet und Rotfüchse gezielt bejagt, um die Konkurrenz zu verringern.

Dank der kombinierten Schutzmaßnahmen streifen mittlerweile wieder 400 bis 600 erwachsene Polarfüchse durch Fennoskandinavien. Der Bericht warnt jedoch davor, diesen Erfolg überzubewerten: Inzucht bleibt weiterhin ein Problem – mit den bekannten negativen Folgen. Eine Analyse der genetischen Variation und des Inzuchtgrads im Zeitraum 2005 bis 2023 zeigt, dass der Genfluss zwischen vielen Subpopulationen trotz wachsender Gesamtpopulation nach wie vor unzureichend ist.

«Wir müssen einen weiteren Verlust an genetischer Vielfalt und eine Zunahme der Inzucht vermeiden. Um dies zu erreichen, ist es unerlässlich, den Genfluss zwischen Teilpopulationen zu erleichtern», sagt Flagstad.

Daher sollen im Rahmen des Projekts bestehende Maßnahmen angepasst werden, wie die Einrichtung von Futterstellen zwischen größeren Kernpopulationen, um Wanderbewegungen der Füchse und die Besiedlung neuer Gebiete zu fördern sowie genetische Verbindungen zwischen den Teilpopulationen herzustellen. Wo natürliche Verbindungen fehlen, könnten auch gezielte Umsiedlungen einzelner Tiere zwischen Subpopulationen nötig sein.

Polarfuchs auf Island: Trotz der isolierten Insellage zeigt die dortige Polarfuchspopulation bislang keine Anzeichen genetischer Verarmung. Auf der Insel leben mehrere Tausend Tiere, die sich regelmäßig über größere Distanzen hinweg fortpflanzen. Die hohe Mobilität der Füchse und der Genfluss zwischen verschiedenen Regionen tragen offenbar dazu bei, die genetische Vielfalt auf einem stabilen Niveau zu halten. Foto: Claudia Garad via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Außerdem plant das Projektteam noch in diesem Jahr mit einer Simulationsstudie zu untersuchen, wie der Effekt der ausgewilderten Polarfüchse optimiert werden kann.

«Das Ziel besteht darin, sicherzustellen, dass die genetische Vielfalt der fennoskandinavischen Polarfuchspopulation mit dem Anstieg der Individuenzahl Schritt hält. Die Hoffnung ist, dass die Population weiter auf das angestrebte Ziel von 2.000 erwachsenen Polarfüchsen zusteuert, während die von uns beschriebenen Maßnahmen zur Erhaltung einer genetisch gesunden Population beitragen», so Flagstad.

Die genetische Stabilisierung der Population bleibt eine zentrale Herausforderung. Ob die geplanten Maßnahmen ausreichen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.