Hitzewelle vor Grönland veränderte das marine Ökosystem dauerhaft.
Ein außergewöhnliches Hitzeereignis im Jahr 2003 hat das marine Ökosystem vor Grönland tiefgreifend und langfristig verändert. Wie ein Forschungsteam um Karl Michael Werner vom Thünen-Institut für Seefischerei in der Fachzeitschrift Science berichtet, kam es infolge der damaligen Erwärmung zu einem sprunghaften und bis heute anhaltenden Wandel der Artenzusammensetzung im subpolaren Nordatlantik.
Die Wissenschaftler analysierten in einer Metastudie rund 100 Zeitreihen zu biologischen Kennzahlen aus allen Bereichen des Ökosystems, vom Meeresboden bis zur offenen Wassersäule. Dabei identifizierten sie einen „perfekten Sturm“ mehrerer klimatischer Faktoren: Ein ungewöhnlich schwacher Subpolarwirbel südwestlich von Island ließ warmes subtropisches Wasser weit nach Norden vordringen, während gleichzeitig deutlich weniger kaltes arktisches Wasser über die Framstraße nach Süden floss.
In der Folge nahm die Meereisbedeckung stark ab, und die Temperaturen der Oberflächen stiegen deutlich an, ein Erwärmungssignal, das bis in Tiefen von 700 Metern nachweisbar war. Betroffen war der gesamte Nordatlantik zwischen Grönland und Norwegen. Parallel dazu wurden in der Atmosphäre über der Region Rekordtemperaturen gemessen, zeitgleich mit verheerenden Hitzewellen in Europa.
Die ökologischen Konsequenzen im Meer waren gravierend: Kaltwasserspezialisten wurden durch Arten aus wärmeren Regionen verdrängt. Eine Schlüsselart des Nahrungsnetzes, die Lodde, verlagerte ihr Laichgebiet nach Norden, mit fatalen Folgen für ihren Bestand, da Eier und Larven dort ungünstigen Bedingungen ausgesetzt sind. Gleichzeitig breiteten sich Arten wie Kabeljau und Scholle weiter nach Norden aus. Buckelwale kehrten nach rund 150 Jahren Abwesenheit an die südgrönländische Küste zurück, und auch Schwertwale drangen in die nun eisärmeren Gebiete vor. Arktische Arten wie Narwale und Klappmützenrobben verzeichneten dagegen deutliche Bestandsrückgänge.
Die Auswirkungen reichten bis 2005 und über tausende Kilometer hinaus bis in die Framstraße. Mit dem warmen Wasser gelangten neue Organismen in die Region und lösten weitere Veränderungen im Nahrungsnetz aus, etwa verstärkte Algenblüten, deren absinkende Biomasse am Meeresboden Massenvermehrungen von wirbellosen Tieren begünstigte.
Welche langfristigen Folgen diese Umwälzungen für den Nordatlantik haben werden, ist noch offen. Für Studienleiter Werner steht jedoch fest: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass unerwartete Extremereignisse nicht vorhersehbare ökologische Kaskaden auslösen.“
Heiner Kubny, PolarJournal