Ein einsamer Eisbär steht auf einer schmelzenden Eisscholle bei Spitzbergen – ein stilles Zeichen für den Wandel der Arktis. (Foto: Heiner Kubny)
Der Klimawandel trifft die Arktis besonders hart. Rund um die norwegische Inselgruppe Spitzbergen hat sich die jährlich eisfreie Zeit in der Barentssee seit den 1980er-Jahren drastisch verlängert. Lange galt dies als schlechtes Omen für die dort lebenden Eisbären. Doch eine neue Langzeitstudie überrascht: Der Zustand der Tiere ist gut – und hat sich seit der Jahrtausendwende sogar verbessert.
Die Region Barentssee gehört zu den sich am schnellsten erwärmenden Gebieten der Erde. Zwischen 2001 und 2020 stiegen die Temperaturen mancherorts um bis zu 2,7 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Das Meereis, lebenswichtiger Jagdraum der Eisbären, geht hier besonders stark zurück. In anderen Polarregionen führte das bereits zu schlechterer Gesundheit und schrumpfenden Populationen. Auf Spitzbergen jedoch scheint sich dieses Szenario bislang nicht zu bestätigen.
Eine im Fachjournal Scientific Reports veröffentlichte Studie eines Forschungsteams um den Biologen Jon Aars vom Norwegischen Polarinstitut hat die Entwicklung der Eisbärenpopulation in der Barentssee über fast drei Jahrzehnte hinweg untersucht. Zwischen 1992 und 2019 betäubten die Wissenschaftler mehr als 1200-mal Tiere, um Gesundheitsdaten zu erheben. Insgesamt wurden 770 erwachsene Eisbären erfasst. Gemessen wurden unter anderem der Fortpflanzungsstatus der Weibchen sowie der sogenannte Body Condition Index (BCI), der Auskunft über Fettreserven und damit über die körperliche Verfassung gibt.
Das Ergebnis: Zwar nahm der BCI der Tiere bis etwa zum Jahr 2000 ab, danach stieg er jedoch wieder an – ausgerechnet in einer Phase, in der das Meereis besonders stark zurückging. Insgesamt verlängerte sich die eisfreie Zeit während des Untersuchungszeitraums um mehr als drei Monate pro Jahr. Dennoch blieben die Eisbären gesund, die Population gilt mit rund 2650 Tieren als stabil und könnte sich sogar leicht vergrößert haben.
Die Forscher sehen mehrere mögliche Gründe für diese Entwicklung. So scheinen die Bären vermehrt auf alternative Nahrungsquellen an Land auszuweichen. Rentiere und Walrosse stehen heute stärker zur Verfügung als früher, da sie seit der Jahrtausendwende weniger stark bejagt werden. Zudem verbringen die Eisbären inzwischen mehr Zeit an eisfreien Küsten, wo sie etwa Vogelnester plündern. Eine weitere Hypothese lautet, dass sich Ringelrobben – die Hauptbeute der Eisbären – auf den kleiner werdenden Eisflächen stärker konzentrieren und dadurch leichter zu erbeuten sind.
Trotz der aktuell positiven Befunde mahnen die Autoren zur Vorsicht. Sollte die Klimaerwärmung weiter voranschreiten und das Meereis noch stärker zurückgehen, könnte auch die anpassungsfähige Spitzbergen-Population an ihre Grenzen stoßen. Verkürzt sich die Jagdzeit weiter und werden die Wege zu den verbliebenen Eisflächen länger, dürfte der Energieaufwand für die Tiere steigen. Langfristig könnten dann auch die bislang widerstandsfähigen Eisbären von Spitzbergen den Folgen des Klimawandels nicht mehr standhalten.
Rosamaria Kubny, PolarJournal