Blood Falls – Das blutrote Geheimnis der Antarktis

von Heiner Kubny
02/18/2026

Die Blood Falls wurden 1911 vom australischen Geologen Griffith Taylor, einem Teilnehmer der Terra-Nova-Expedition, entdeckt. Er erforschte als erster das Tal, das seinen Namen trägt. Dabei schrieb er die rote Farbe Rotalgen zu. Es wurde aber später bewiesen, dass es sich um Eisenoxide handelt. (Foto: Wikimedia)

Ein leuchtend roter Wasserfall, der aus ewigem Eis hervorbricht, mitten in einer der kältesten Regionen der Erde: Die Blood Falls zählen zu den rätselhaftesten Naturphänomenen der Antarktis. Lange Zeit wurde vermutet, dass Rotalgen für die auffällige Farbe verantwortlich seien. Eine neue Studie brachte Klarheit und zeichnet ein völlig anderes Bild.

Forscherinnen und Forscher hatten mithilfe moderner Radartechnik die Eisschichten untersucht, aus denen sich der Wasserfall speist. Die Ergebnisse zeigten: Die blutrote Farbe stammt nicht von biologischem Material, sondern von extrem salzhaltigem, eisenreichem Wasser, das unter dem Eis verborgen liegt.

Lange war es ein Rätsel, warum aus Spalten im Gletscher kontinuierlich Flüssigkeit austritt. (Foto: Wikimedia)

Ein Fluss unter dem Gletscher

Die an den Studien beteiligten waren unter anderem die National-Geographic-Explorerin Erin C. Pitt. Ihr Team untersuchte den Taylor-Gletscher, aus dem die Blood Falls hervortreten. Dieser befindet sich in den Antarktischen Trockentäler, einer der trockensten und kältesten Landschaften der Erde. Die Durchschnittstemperatur liegt hier bei rund minus 17 Grad Celsius, eigentlich Bedingungen, unter denen flüssiges Wasser kaum existieren kann.

Umso größer war lange das Rätsel, warum aus Spalten im Gletscher kontinuierlich Flüssigkeit austritt. Bildgebende Verfahren lieferten die entscheidende Erklärung. Unter dem Gletscher existiert ein komplexes Netzwerk aus subglazialen Flüssen und einem unterirdischen See. Das Wasser dort ist eine hochkonzentrierte Sole, extrem salzig und reich an Eisen.

Gut dokumentiert ist das Rätsel am Taylor Gletscher. (Grafik: NSF)

Warum das Wasser nicht gefriert

Die besondere chemische Zusammensetzung erklärt gleich mehrere Geheimnisse auf einmal. Salzwasser besitzt einen deutlich niedrigeren Gefrierpunkt als Süßwasser. Zudem setzt es beim Gefrieren Wärme frei. Diese sogenannte Bindungswärme sorgt dafür, dass das umliegende Eis teilweise schmilzt und das Wasser weiter fließen kann, selbst unter extremen Minusgraden. Wenn die eisenhaltige Sole an die Oberfläche gelangt und mit Sauerstoff reagiert, oxidiert das Eisen. Das Wasser färbt sich rostrot und verleiht den Blood Falls ihr blutähnliches Aussehen

Die Blood Falls befinden sich am Ende des sich zurückziehenden Taylor Gletscher: Foto: (Wikimedia)

Ein einzigartiger Gletscher

Messungen zeigten zudem: Je näher das Wasser dem Wasserfall kommt, desto höher ist die Konzentration der eisenhaltigen Sole. Auch ein Zusammenhang zwischen Wassertemperatur und Salzgehalt wurde festgestellt. Unterschiedlich große Spalten im Eis fungieren dabei als Kanäle, durch die die Sole aufsteigt, Eis schmilzt und sich weiter konzentriert.

Der Taylor-Gletscher gilt damit als der kälteste bekannte Gletscher der Erde, in dem dauerhaft Wasser fließt. Ein paradoxes System aus Eis, Salz, Eisen und Wärme, verborgen unter einer scheinbar leblosen Eiswüste.

Was wie ein blutiger Riss im Eis wirkt, ist in Wahrheit ein faszinierendes Beispiel dafür, wie komplex und dynamisch selbst die extremsten Regionen unseres Planeten sind.

Heiner Kubny, PolarJournal