Im arktischen Meer entscheidet nicht nur die Eisbedeckung über Leben und Überleben, sondern auch das Licht. Eine aktuelle Studie aus Grönland zeigt, dass Ringelrobben ihre Tauchgänge offenbar eng an Tageslichtzyklen und das Verhalten ihrer Beute koppeln. Damit wird einmal mehr deutlich, wie fein abgestimmt das ökologische Zusammenspiel im arktischen Nahrungsnetz ist.
Forschende analysierten hochauflösende Tauchdaten von drei Ringelrobben, die zuvor mit Satellitensendern markiert und später wiedergefangen wurden. Anders als bei üblichen Telemetriedaten standen diesmal die vollständigen Tiefenmessungen zur Verfügung, die alle vier Sekunden aufgezeichnet worden waren, ein Detailgrad, der Einblicke ermöglicht, die in satellitenübermittelten Kurzdatensätzen oft verloren gehen.
Erwachsene Robben folgen dem Rhythmus der Beute
Die Daten zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Tieren. Zwei erwachsene Weibchen tauchten wiederholt zu bestimmten Tageszeiten und Tiefen, ein Muster, das stark auf gezielte Nahrungssuche hindeutet. Besonders auffällig ist, dass die Tauchprofile eines Tieres aus Südostgrönland erstaunlich genau dem vertikalen Tagesrhythmus der Lodde (Mallotus villosus), eines wichtigen Beutefisches, ähnelten. Diese Fischschwärme halten sich tagsüber in größeren Tiefen auf und steigen nachts höher in die Wassersäule auf.
Die Robben reagierten offenbar direkt auf dieses Verhalten: Sie tauchten während des Tages häufiger und gezielter in jene Tiefenbereiche, in denen sich die Beute konzentriert. Das spricht dafür, dass Ringelrobben ihre Jagdstrategie aktiv an die vertikale Wanderung ihrer Beutetiere anpassen – ein klassisches Beispiel für eine fein abgestimmte Räuber-Beute-Dynamik im marinen Ökosystem.
Auch Unterschiede zwischen Lebensräumen spielten eine Rolle. In Fjordsystemen mit begrenzter Tiefe blieben die Tauchgänge entsprechend flacher, während Tiere in offeneren Küstengewässern deutlich größere Tiefen erreichten. Die lokale Meeresbodentopografie beeinflusst damit indirekt die Jagdstrategie der Robben, weil sie die vertikale Verteilung der Beute bestimmt.
Jungtiere tauchen weniger zielgerichtet
Anders verhielt sich ein junges Männchen. Sein Tauchverhalten zeigte kein klares Tagesmuster und wirkte vergleichsweise zufällig. Die Forschenden interpretieren dies als Hinweis darauf, dass effiziente Jagdstrategien möglicherweise erlernt werden müssen. Erst mit zunehmender Erfahrung scheinen die Tiere die täglichen Wanderungen ihrer Beute systematisch auszunutzen.
Aktivität am Tag, Ruhe in der Nacht
Über alle drei Tiere hinweg zeigte sich ein weiteres Muster: Ruhigere, weniger aktive Tauchgänge traten häufiger nachts auf. Das deutet darauf hin, dass Ringelrobben ihre Hauptjagdzeiten in den helleren Stunden konzentrieren, selbst in der lichtarmen arktischen Herbst und Wintersaison.
Bedeutung für das Verständnis arktischer Ökosysteme
Die Studie unterstreicht, wie stark arktische Räuber vom Zusammenspiel aus Lichtverhältnissen, Beutedynamik und Lebensraum geprägt sind. Schon kleine Veränderungen, etwa durch verschobene Planktonblüten, veränderte Fischverteilungen oder zunehmende Meereisverluste, könnten diese fein austarierten Muster stören.
Gerade in einer Arktis im Wandel liefern solche hochauflösenden Verhaltensdaten wertvolle Hinweise darauf, wie empfindlich marine Nahrungsketten reagieren könnten. Ringelrobben gelten als Schlüsselart vieler arktischer Ökosysteme, ihr Verhalten ist daher mehr als nur ein zoologisches Detail. Es ist ein Indikator für den Zustand des gesamten Systems.
Marcel Schütz, PolarJournal