Am 21. April 1976 wurde in der Schirmacher-Oase in der Antarktis die spätere Georg-Forster-Station der damaligen DDR feierlich eingeweiht. Sie war die erste ganzjährig betriebene deutsche Forschungsstation in der Antarktis und stellte einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der ostdeutschen sowie später gesamtdeutschen Polarforschung dar. Zum 50-jährigen Jubiläum im Jahr 2026 kommen ehemalige Überwinterer und Gäste im Juni in Potsdam zusammen, um dieses Ereignis zu würdigen.
Aufbau unter extremen Bedingungen
Bereits im Oktober 1975 machte sich ein sechsköpfiges Team von Überwinterern auf den Weg in die Antarktis. An Bord des eisgängigen Frachters Kapitan Markov, im Rahmen der 21. Sowjetischen Antarktisexpedition, transportierten sie rund 150 Tonnen Material. Ziel war der Aufbau einer Forschungsstation der Akademie der Wissenschaften der DDR nahe der sowjetischen Station Novolazarevskaya.
Nach der Ankunft wurden die Materialien entladen und mithilfe sowjetischer Kollegen in die Schirmacher-Oase gebracht. Innerhalb von nur 74 Tagen, vom 6. Februar bis zum 20. April 1976, gelang es dem Team, die Station aufzubauen. Unter der Leitung von Dr. Hartwig Gernandt entstand eine funktionale Forschungsanlage aus vorgefertigten, auf Schlitten montierten Containermodulen. Dieses innovative Baukonzept verkürzte die Aufbauzeit erheblich und erwies sich als wegweisend für spätere Stationen.
Forschung und internationale Zusammenarbeit
Die ersten Module umfassten eine Generatorstation, Labore sowie Wohn- und Schlafräume für die sechs Überwinterer. In den folgenden Jahren wurde die Station kontinuierlich erweitert, unter anderem um zusätzliche Labore und eine eigene Funkstation, die ab 1987 in Betrieb war. Die Versorgung der Station erfolgte in enger Kooperation mit der nahegelegenen sowjetischen Station, die auch sicherheitstechnische Unterstützung bot.
Das erste wissenschaftliche Programm war die Beteiligung an der „International Magnetospheric Study“ (IMS). Bis 1978 standen vor allem Polarlichtbeobachtungen und Untersuchungen der Ionosphäre im Fokus. In den darauffolgenden Jahren wurden vielfältige Studien in den Bereichen Geophysik, Geologie, Glaziologie, Hydrologie und Biologie durchgeführt.
Entdeckung des Ozonlochs
Besondere Bedeutung erlangte die Station durch ihr Ozon-Messprogramm. Ab 1985 wurden regelmäßig Ballonsondierungen durchgeführt. Dabei gelang ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch: die Entdeckung des sogenannten Ozonlochs über der Antarktis. Die Messreihen der Georg-Forster-Station trugen wesentlich zum Verständnis der Entwicklung und späteren Erholung der Ozonschicht bei und werden bis heute an anderen Stationen fortgeführt.
Ende der Station und nachhaltiger Rückbau
Nach der deutschen Wiedervereinigung ging die Verantwortung für die Station an das Alfred-Wegener-Institut über, das den Betrieb bis 1992 fortführte. Da keine dauerhafte Nutzung vorgesehen war, wurde der wissenschaftliche Betrieb in der Saison 1992/93 eingestellt.
Im Rahmen des deutsch-russischen Projekts „Cleaning up Schirmacher Oasis“ wurde die Station bis 1996 vollständig zurückgebaut. Dieses Vorhaben setzte Maßstäbe im Umweltschutz und wurde international als vorbildlich anerkannt. Heute erinnert eine Bronzetafel am ehemaligen Standort an die Station, die 2013 in die Liste der „Historical Sites and Monuments“ des Antarktisvertrags aufgenommen wurde.
Jubiläum und Erinnerung
Am 3. Juni 2026 findet in Potsdam eine feierliche Veranstaltung statt, organisiert vom Alfred-Wegener-Institut und der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung. Den Festvortrag zur Geschichte und zum Erbe der Station hält Dr. Hartwig Gernandt, der bereits die erste Überwinterung leitete.
Die Georg-Forster-Station bleibt ein bedeutendes Symbol für wissenschaftlichen Pioniergeist, internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Forschung unter extremen Bedingungen.
Heiner Kubny, PolarJournal