Pyramiden wird oft als Geisterstadt bezeichnet, doch die ehemalige sowjetische Siedlung am Ufer des Billefjorden wirkt weniger verlassen als vielmehr in der Zeit stehen geblieben. Die Bergbaustadt im norwegischen Archipel Spitzbergen ist seit dem Ende des Kohleabbaus im Jahr 1998 erstaunlich gut erhalten geblieben. Wohnblöcke stehen noch immer unter steilen arktischen Bergen, verblasste Mosaike schmücken öffentliche Gebäude, und die nördlichste Lenin-Statue der Welt blickt weiterhin über die Siedlung.
Ursprünglich 1910 von Schweden gegründet und 1927 an die Sowjetunion verkauft, wurde Pyramiden als Modellsiedlung in der Hocharktis aufgebaut. Trotz der abgelegenen Lage verfügte die Siedlung einst über eine Schule, eine Bibliothek, eine Sporthalle, Musikräume und sogar ein Schwimmbad. Die Bewohner hielten zudem Nutztiere und betrieben Gewächshäuser, um weit oberhalb des Polarkreises ein möglichst normales Leben zu schaffen.
Heute erreichen Besucher Pyramiden im Sommer per Boot oder im Winter mit dem Schneemobil über die gefrorene Landschaft. Obwohl der grösste Teil der Siedlung leer steht, ist das Hotel weiterhin in Betrieb, und eine kleine Gruppe von Mitarbeitern lebt saisonal in Pyramiden, um die Gebäude zu unterhalten und Gäste zu empfangen. Besucher und Tourismusanbieter auf Spitzbergen begegnen Touren zu den russischen Siedlungen seit 2022 mit grösserer Zurückhaltung. Die offizielle Tourismusorganisation Spitzbergens, Visit Svalbard, bewirbt solche Touren nicht mehr auf ihren Plattformen.
Im Inneren vieler verlassener Gebäude finden sich noch immer Spuren des früheren Alltags. Stühle stehen ordentlich in Klassenzimmern, und im Kulturhaus steht noch immer ein Klavier. An manchen Orten lassen sich sogar Jahrzehnte nach der Aufgabe der Siedlung noch getrocknete Pflanzen finden. Beim Betreten der Gebäude entsteht ein seltsam intimes Gefühl, als wäre der Alltag erst vor Kurzem zum Stillstand gekommen.
Draussen erobert sich die Natur die Siedlung langsam zurück. Möwen nisten entlang der Fensterrahmen, während das arktische Wetter die Fassaden Jahr für Jahr weiter abnutzt. Die zurückgelassenen Gegenstände vermitteln zusammen mit der Grösse der Siedlung den Eindruck eines Ortes, der irgendwo zwischen Geschichte, Erinnerung und der umliegenden arktischen Wildnis verharrt.
Léa Zinsli, PolarJournal