Grönland hat seit den 1970er-Jahren mehr als sechs Billionen Tonnen Eis verloren. Eine neue Langzeitauswertung zeigt, dass dafür vor allem schneller fließende Gletscher verantwortlich sind, die immer mehr Eis ins Meer transportieren.
Für die Untersuchung führte das internationale IMBIE-Team 42 Datensätze aus 27 Satellitenmissionen zusammen. Damit lässt sich die Entwicklung des grönländischen Eisschildes bis 1972 zurückverfolgen. Die Studie unter Leitung von Inès Otosaka von der Northumbria University erschien im September 2026 in Scientific Data.
Zwischen 1972 und 2023 verlor Grönland rund 6,2 Billionen Tonnen Eis. Etwa 67 Prozent davon gingen auf dynamische Prozesse zurück: Gletscher flossen schneller zur Küste und gaben dort zunehmend Eis an den Ozean ab. Rund ein Drittel des Verlustes entstand durch Veränderungen an der Oberfläche, insbesondere durch verstärkte Schmelze und Schmelzwasserabfluss.
Gleichzeitig hat sich der Eisverlust stark beschleunigt. In den 1980er-Jahren verlor Grönland durchschnittlich etwa 60 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, in den 2010er-Jahren waren es bereits 264 Milliarden Tonnen jährlich. Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung ist der Jakobshavn-Gletscher in Westgrönland, dessen schnelle Eisbewegung seit Jahren von Satelliten beobachtet wird.
Von 2020 bis 2023 ging der durchschnittliche Verlust zwar auf etwa 199 Milliarden Tonnen jährlich zurück, vor allem weil extreme Schmelzsommer ausblieben. Der durch die Gletscherbewegung verursachte Eisverlust blieb jedoch hoch.
Die Ergebnisse zeigen damit, dass für Grönlands Beitrag zum steigenden Meeresspiegel nicht nur die Oberflächenschmelze entscheidend ist. Ebenso wichtig ist, wie schnell die großen Auslassgletscher das Eis vom Landesinneren bis in den Ozean transportieren.
Heiner Kubny, PolarJournal