Tumat, Nordostrussland – Es war eine außergewöhnliche Verkettung von Umständen, die Paläontologen einen einzigartigen Einblick in die Vergangenheit ermöglichte. Ein Wolfswelpe fraß vor rund 14 000 Jahren Fleisch eines Wollnashorns und starb kurz darauf selbst. Durch die rasche Konservierung im sibirischen Permafrost blieb der Mageninhalt des Tieres bis heute erhalten und lieferte wertvolle genetische Informationen.
Während der letzten Eiszeit durchstreiften noch gewaltige Tiere wie Mammuts und Wollnashörner Europa und Nordasien. Diese eiszeitlichen Giganten gehörten gelegentlich auch zur Beute von Raubtieren wie Wölfen oder Bären. Im Magen des gut erhaltenen Wolfswelpen fanden Forschende befellte Fleischreste eines Wollnashorns. Veröffentlicht wurde der Bericht am 15.01.2026. Aus diesem Material gelang es dem Team um Sólveig Gudjónsdóttir vom Zentrum für Paläogenetik in Stockholm, das vollständige Genom des Pflanzenfressers zu entschlüsseln, ein Novum, da es sich um die erste Genomrekonstruktion aus einem Mageninhalt handelt.
(Foto: Pressebild / Gudjónsdóttir)
Die genetische Analyse brachte überraschende Ergebnisse. Das untersuchte Wollnashorn wies eine hohe genetische Vielfalt auf. Im Vergleich mit zwei weiteren Wollnashorn-Genomen, die 18 500 und 48 500 Jahre alt sind, zeigte sich weder eine genetische Verarmung noch eine Zunahme schädlicher Mutationen. Das deutet darauf hin, dass die Art zu dieser Zeit noch über ausreichend große Populationen verfügte und nicht bereits durch langfristige Inzucht geschwächt war.
Diese Erkenntnisse sind wichtig für die Debatte um das Aussterben der pleistozänen Megafauna. Lange war unklar, ob Klimaschwankungen am Ende der Eiszeit oder die Jagd durch den Menschen den Hauptgrund darstellten. Da Menschen in Nordostsibirien bereits seit etwa 15 000 Jahren lebten, lag auch Überjagung als Ursache nahe. Die neuen genetischen Daten sprechen jedoch dafür, dass das Wollnashorn nicht langsam ausstarb, sondern seine Population relativ plötzlich zusammenbrach.
Die Forschenden vermuten, dass der entscheidende Faktor die Bølling–Allerød-Zwischeneiszeit war, eine Phase rascher Erwärmung auf der Nordhalbkugel, die die Lebensräume der kälteangepassten Tiere stark veränderte. Wahrscheinlich konnten sich die Wollnashörner an diese schnellen Klimaveränderungen nicht ausreichend anpassen.
Dass diese Erkenntnisse heute möglich sind, verdankt sich einem glücklichen Zufall. Der Wolfswelpe starb kurz nach seiner Mahlzeit, bevor das Fleisch vollständig verdaut wurde. Das schnelle Einfrieren im Permafrost konservierte die DNA nahezu unbeschädigt. Mit modernen Sequenzierungstechniken konnte das Erbgut schließlich detailliert analysiert werden, ein seltener Blick in eine Welt, die längst Vergangenheit ist.
Heiner Kubny, PolarJournal