Die hohe Arktis erlebt milden Januar

von Marcel Schütz
02/06/2026

Longyearbyen im Januar 2026 – Bild: Marcel Schütz

Während grosse Teile Skandinaviens, Nordwestrusslands und Sibiriens den kältesten Januar seit vielen Jahren erlebten, zeigte sich der hohe Norden von einer ganz anderen Seite.
Auf Spitzbergen, in Ny-Ålesund und auf die zu Norwegen gehörende Vulkaninsel Jan Mayen lagen die Temperaturen deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Die Entwicklung unterstreicht einmal mehr, wie dynamisch und verletzlich das Klimasystem der Arktis inzwischen geworden ist.

Deutlich über dem Klimanormal

Nach Angaben des Norwegischen Meteorologischen Instituts lag die Durchschnittstemperatur im Januar sowohl in der Forschungssiedlung Ny-Ålesund als auch am Flughafen von Longyearbyen, dem Hauptort von Spitzbergen rund 3,8 °C über dem Referenzwert. Selbst für eine Region, die sich seit Jahrzehnten rasch erwärmt, ist das bemerkenswert. Einzelne Extremwerte verdeutlichen die milde Phase zusätzlich: Auf Jan Mayen wurden am 13. Januar 4,7 °C gemessen, Temperaturen, die eher an einen frühen Frühlingstag erinnern als an die Polarnacht.

Rund um Spitzbergen, könnte es in diesem Winter regional zu ungewöhnlich geringer Meereisbildung kommen. Sollte sich dies bestätigen, hätte das direkte Auswirkungen auf Ökosysteme, lokale Aktivitäten und die Dynamik der Küstengewässer.

Aktuelle Eiskarte vom 05.02.2026
(Daten: Norwegisches Meteorologisches Institut)

Scharfer Kontrast zu Skandinavien

Parallel dazu zeigte sich z.B auf dem norwegischen Festland ein gegenteiliges Bild. Landesweit lag die Mitteltemperatur etwa 4,4 °C unter dem Normalwert, begleitet von ungewöhnlich trockenen Bedingungen mit rund der Hälfte des üblichen Niederschlags. Solche Gegensätze sind meteorologisch erklärbar: Während kontinentale Kaltluft Skandinavien erreichte, transportierten atmosphärische Strömungen vergleichsweise milde, feuchte Luftmassen vom Atlantik in den europäischen Arktisraum.

Gerade diese Wechselwirkung macht deutlich, dass die Arktis kein klimatisch einheitlicher Raum ist. Regionale Wetterlagen können kurzfristig extreme Unterschiede erzeugen, doch eingebettet sind sie in einen langfristigen Erwärmungstrend.

Kongeparken (Königspark) in Tromsø – Bild Marcel Schütz

Warum Spitzbergen besonders sensibel reagiert

Langzeitmessungen zeigen, dass sich Spitzbergen bis zu 7 mal schneller als der Globale Durchschnitt erwärmt. Seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen Ende des 19. Jahrhunderts steigt die Lufttemperatur dort kontinuierlich an, mit besonders starken Zuwächsen im Winter und Frühjahr. Ein zentraler Grund dafür liegt im Rückgang des Meereises: Wo offenes Wasser bleibt, kann der Ozean Wärme an die Atmosphäre abgeben. Dadurch werden Warmlufteinbrüche verstärkt, und selbst mitten im Winter können Temperaturen zeitweise nahe oder über den Gefrierpunkt steigen. Ausserdem ist die Region auch stark vom Golfstrom beeinflusst.

Diese sogenannte arktische Verstärkung wirkt wie ein Beschleuniger. Was global bereits messbar ist, zeigt sich hier früher und intensiver.

Folgen reichen weit über das Thermometer hinaus

Ein ungewöhnlich warmer Januar ist mehr als eine statistische Abweichung. Bleibt die Meereisbildung schwach, verändert sich das gesamte System, was vor allem die marinen Nahrungsnetzen beeinflusst. Höhere Wintertemperaturen erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit von Regenereignissen. Gefriert dieser Niederschlag später wieder, entstehen harte Eisschichten innerhalb der Schneedecke, die sowohl für Wildtiere als auch für Menschen problematisch sein können.

Gleichzeitig nehmen langfristig auch die Niederschläge zu, was die Stabilität von Schnee- und Permafrostsystemen beeinflusst. Die Arktis wird dadurch nicht nur wärmer, sondern auch hydrologisch aktiver – mit Folgen, die Forschende erst allmählich vollständig verstehen.

Permafrostboden im Adventtal auf Spitzbergen – Bild: Marcel Schütz

Ein weiterer Hinweis auf die neue Arktis

Trotz eines kalten Starts in den Februar passt der milde Januar in ein bekanntes Muster: Kurzfristige Kältephasen treten weiterhin auf, doch sie spielen sich zunehmend vor einer insgesamt wärmeren klimatischen Ausgangslage ab. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Winters.

Der Januar 2026 zeigt exemplarisch, wie stark der europäische Arktisraum bereits im Wandel ist. Während südlichere Regionen noch von klassischen Winterlagen geprägt sein können, verschiebt sich im hohen Norden die Balance zwischen Eis, Ozean und Atmosphäre spürbar. Ob sich die prognostizierte geringe Meereisbildung wirklich bestätigt, werden die kommenden Wochen zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Spitzbergen bleibt ein Frühwarnsystem des globalen Klimawandels.

Marcel Schütz, PolarJournal