Was Wissenschaftler in der Antarktis nicht sehen, kann genauso bedeutsam sein, wie das, was sie beobachten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie unter Leitung von Dr. Colin Southwell von der Australian Antarctic Division. Sie zeigt: Für den wirksamen Schutz antarktischer Seevögel ist es entscheidend, zwischen der tatsächlichen Abwesenheit einer Art und schlichtem Nichtwissen zu unterscheiden.
Seit Jahrzehnten kartieren Forschende Brutplätze von Seevögeln, um Populationen zu überwachen, Veränderungen in der Artenverbreitung zu erkennen und Schutzgebiete festzulegen. Doch ein Blick in die Fachliteratur offenbart ein Problem: Dokumentiert wird fast ausschließlich die Anwesenheit von Tieren. Ob an einem Ort gezielt gesucht wurde – und nichts gefunden wurde – oder ob dort überhaupt keine Erhebung stattfand, bleibt meist unklar.
„Man sieht möglicherweise nichts, weil das Tier nicht da ist, weil es gut versteckt ist oder weil man nicht überall gesucht hat“, erklärt Southwell. Diese Unschärfe hat Folgen. Große, auffällige Arten wie Pinguine tauchen in Datensätzen überproportional häufig auf, während kleinere oder versteckt lebende Arten kaum erfasst werden. Das verzerrt das Gesamtbild der antarktischen Biodiversität – und kann zu falschen Entscheidungen im Umweltmanagement führen.
Für ihre Studie wertete das internationale Forschungsteam Daten aus einem Zeitraum von rund 100 Jahren aus. Neben wissenschaftlichen Publikationen flossen unveröffentlichte Berichte, Archivdaten, handschriftliche Feldnotizen und mündliche Überlieferungen ein. Untersucht wurden Brutgebiete von acht Seevogelarten entlang einer etwa 5000 Kilometer langen Küste der Ostantarktis sowie weit ins Landesinnere reichende Regionen.
Die Analyse zeigt deutliche Lücken. Die meisten Beobachtungen stammen aus der Nähe dauerhaft besetzter Forschungsstationen an der Küste. Zudem liegt der Fokus stark auf Adeliepinguinen, die als Indikatorarten für die Auswirkungen von Fischerei und Klimawandel gelten. Über Arten wie den Wilson-Sturmvogel oder den Schneesturmvogel gibt es dagegen kaum verlässliche Informationen – vermutlich, weil sie gut getarnt sind, in Felsspalten brüten und schwer zugängliche Gebiete bevorzugen.
Diese Wissenslücken sind nicht nur ein akademisches Problem. Flugverkehr kann brütende Seevögel erheblich stören. Wenn Regionen mit unzureichender Datengrundlage fälschlich als „vogelfrei“ gelten, besteht die Gefahr unbeabsichtigter Störungen. Auch die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresressourcen der Antarktis (CCAMLR) stützt ihre Entscheidungen zur Krillfischerei auf Daten zur Verbreitung von Fressfeinden wie Seevögeln. Unvollständige Erhebungen könnten dazu führen, dass tatsächliche Populationen unterschätzt werden.
Das Fazit der Forschenden ist klar: Künftige Monitoringprogramme müssen nicht nur dokumentieren, wo Seevögel brüten, sondern auch, wo gezielt gesucht wurde – und wo Wissen fehlt. Perfekte Daten wird es in der Antarktis nie geben. Doch wer Unwissenheit klar benennt, kann Naturschutzmaßnahmen gezielter planen und Risiken für empfindliche Ökosysteme deutlich verringern.
Rosamaria, PolarJournal