Neue Karte zeigt Antarktis ohne Eis

von Heiner Kubny
01/29/2026

Für die durchschnittliche Eisdicke der Antarktis wird ein Wert von 2.160 Metern angenommen. Die maximale bekannte Eisdicke wurde mit 4.776 Metern in Adélieland, in der Ostantarktis gemessen. (Bild: NASA)

Was verbirgt sich unter dem kilometerdicken Eis der Antarktis? Würde man den Eispanzer vollständig entfernen, käme kein eintöniger Felsblock zum Vorschein, sondern eine erstaunlich vielfältige Landschaft: hohe Berge, weite Täler und vor allem eine ausgedehnte, bislang unterschätzte Hügellandschaft. Eine neue Studie liefert nun das bislang detaillierteste Bild dieses verborgenen Kontinents.

Da die Antarktis heute zu rund 98 Prozent von Gletschern und mächtigen Eisschilden bedeckt ist, stellt die Erforschung ihres Untergrunds eine besondere Herausforderung dar. Ein Forschungsteam um Helen Ockenden von der Université Grenoble Alpes kombinierte hochaufgelöste Satellitenbilder der Eisoberfläche mit Daten zur Eisdicke und zur Fließbewegung der Gletscher. Publiziert wurde der Bericht am 15.01.2026 auf Sience.org. Auf diese Weise entstand eine neue Karte der felsigen Oberfläche unter dem Eis, so präzise wie keine zuvor.

Antarktis ohne Eis. (Foto: BAS / BEDMAP-Konsortium)

Das Eis verrät, was darunter liegt

Für ihre Analyse nutzten die Wissenschaftler ein Modell namens Ice Flow Perturbation Analysis. Dieses Verfahren berechnet, wie sich Eis bewegt, während es über den Untergrund gleitet. Denn auch wenn Berge und Täler unter dem Eis verborgen sind, beeinflussen sie das Fließverhalten der Gletscher deutlich. Hügel und Gebirge bremsen und stauchen das Eis, während Täler und Schluchten es bündeln und beschleunigen. Diese Effekte hinterlassen messbare Spuren an der Eisoberfläche und einen indirekten Blick auf die Landschaft darunter.

Zehntausende Hügel und überraschende Täler

Die neue Karte offenbart eine echte Überraschung. Fast 72.000 Hügel liegen unter dem Eis der Antarktis, etwa doppelt so viele, wie bislang bekannt waren. In anderen Regionen wiederum fanden die Forschenden statt der erwarteten sanften Formen schroffe, alpine Landschaften mit steilen Hängen und markanten Höhenzügen.

Besonders auffällig ist ein Gebiet namens Maud Subglacial Basin. Dort entdeckte das Team ein nahezu 400 Kilometer langes Tal mit steilen, aber relativ kurzen Flanken. Obwohl das Tal im Schnitt nur etwa 50 Meter tief ist, misst es beeindruckende sechs Kilometer in der Breite. Ein ungewöhnliches Profil, das sich deutlich von klassischen Gebirgstälern unterscheidet.

Komplexe Landschaften unter der Antarktis, aus dem Weltraum kartiert. (Grafik: Sience.org)

Bedeutung für den Klimawandel

Diese Strukturen sind nicht nur geologisch spannend, sondern auch klimatisch hochrelevant. Eine raue, hügelige Oberfläche erhöht die Reibung an der Unterseite der Gletscher und kann deren Fließgeschwindigkeit bremsen. Steil zum Ozean abfallende Täler hingegen wirken wie Rutschbahnen und beschleunigen den Eisfluss. Solche Unterschiede entscheiden mit darüber, wie schnell Eis ins Meer gelangt und damit, wie stark der Meeresspiegel infolge des Klimawandels ansteigen könnte.

Bereits frühere Studien hatten unter dem antarktischen Eis spektakuläre Formationen entdeckt, darunter die tiefste bekannte Schlucht der Kontinente. Sie reicht rund 3.500 Meter in die Tiefe und markiert damit den derzeit tiefsten Punkt der Erde an Land. Tiefer sind nur noch Schluchten in den Ozeanen.

Fazit

Die Antarktis ist unter ihrem Eispanzer weit komplexer, als lange angenommen. Dank moderner Satellitendaten und innovativer Modelle wird nun sichtbar, wie vielfältig und zerklüftet der Südkontinent tatsächlich ist. Dieses neue Verständnis hilft nicht nur dabei, die geologische Geschichte der Antarktis zu rekonstruieren, sondern auch, die Zukunft ihrer Eisschilde und damit unseres globalen Klimas besser abzuschätzen.

Heiner Kubny, PolarJournal