Die Antarktis, ein unwirtlicher und von Eis bedeckter Kontinent, galt lange Zeit als Lebensraum nur weniger, extrem widerstandsfähiger Organismen. Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams zeigt nun jedoch, dass die marine Artenvielfalt selbst unter extremen Bedingungen überraschend reichhaltig ist.
Bei einer Expedition unter dem Denman-Gletscher entdeckten Wissenschaftler Vertreter von 14 verschiedenen biologischen Typen, darunter möglicherweise mehrere bislang unbekannte Arten.
Leben unter dem Eis
Im Rahmen der wissenschaftlichen Expedition des hochmodernen Forschungsschiffs RSV Nuyina im März 2025 untersuchte das Team den Meeresboden am Fuße des Gletschers in der Ostantarktis.
Das Gebiet galt bislang als nahezu unbewohnt. Mithilfe spezieller Bodennetze gelang es den Forschern jedoch, Proben zahlreicher mariner Wirbelloser zu sammeln, darunter Seesterne, Seegurken, Weichtiere und sogar Kraken.
Besonders bemerkenswert. Unter den geborgenen Organismen befinden sich vermutlich mehrere Arten, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind. Insgesamt wurden Vertreter von 14 biologischen Gruppen nachgewiesen, ein eindrucksvoller Beleg für die Widerstandsfähigkeit und Vielfalt des Lebens selbst unter extremster Kälte und monatelanger Dunkelheit.
Bedeutung für Klima- und Evolutionsforschung
Die gewonnenen Daten sind von großer wissenschaftlicher Tragweite. Sie liefern neue Erkenntnisse zur Evolution antarktischer Lebensgemeinschaften und ermöglichen eine präzisere Bewertung der Auswirkungen des Gletscherrückgangs auf die globalen Meeresspiegel.
Der Denman-Gletscher zählt zu den bedeutendsten Faktoren für den weltweiten Meeresspiegelanstieg. In den vergangenen 22 Jahren hat er sich um etwa fünf Kilometer zurückgezogen. Wissenschaftliche Berechnungen zufolge könnte ein vollständiges Abschmelzen des Gletschers zu einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 1,5 Meter führen.
Die Erforschung dieser neu entdeckten Meeresgemeinschaften hilft dabei, ökologische Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die zukünftige Entwicklung unseres Planeten besser vorherzusagen.
Genetische Analysen geplant
Die während der Expedition gesammelten Proben werden nun von Spezialisten für molekulare Genetik detailliert untersucht. Ziel ist es, die Anpassungsmechanismen der Organismen an extreme Kälte, hohen Druck und Lichtmangel zu entschlüsseln.
Die Ergebnisse könnten nicht nur neue Arten bestätigen, sondern auch bislang unbekannte biologische Strategien offenlegen, die das Überleben unter extremen Umweltbedingungen ermöglichen.
Diese Entdeckung unterstreicht eindrucksvoll die Bedeutung wissenschaftlicher Expeditionen in der Antarktis. Sie eröffnet ein neues Kapitel im Verständnis mariner Ökosysteme und betont zugleich die Dringlichkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit unserer Umwelt, insbesondere im Kontext des fortschreitenden Klimawandels.
Heiner Kubny, PolarJournal