Belugas, Narwale und Grönlandwale haben sich über Tausende von Jahren an das Leben in der Arktis angepasst. Meereis prägt nahezu jeden Aspekt ihres Lebens, von Wanderrouten und Nahrungsgebieten bis hin zum Schutz vor Räubern. Manche Populationen verbringen einen grossen Teil ihres Lebens damit, dichtes Packeis zu durchqueren oder durch schmale Atemlöcher aufzutauchen, die auch im Winter offen bleiben. Diese Wale leben nicht einfach nur in der Arktis. Ihre Biologie hat sich gemeinsam mit dieser Umwelt entwickelt.
Doch die Arktis verändert sich rasant. Die Temperaturen in der Region steigen um ein Vielfaches schneller als im globalen Durchschnitt, und das Meereis geht in grossen Teilen des Nordens weiter zurück. Mit dem Verschwinden des Eises verändern sich auch die arktischen Ökosysteme. Nahrungsnetze verschieben sich, Wanderrouten verändern sich, und Räuber wie Orcas dringen weiter nach Norden vor in Gebiete, die früher durch dichtes Eis geschützt waren.
Eine Studie deutet darauf hin, dass diese Umweltveränderungen noch ein weiteres, weniger sichtbares Problem verursachen könnten. Die Umweltbedingungen der Zukunft könnten zunehmend schlechter zu den genetischen Anpassungen heutiger Walpopulationen passen.
(Abbildung: de Greef 2026, The American Naturalist)
Um dieser Frage nachzugehen, analysierten Forschende die Genome von Belugas, Narwalen und Grönlandwalen im Zusammenhang mit Umweltbedingungen aus der gesamten Arktis. Mithilfe von Klimaprojektionen für das Jahr 2100 schätzten sie anschliessend ab, wie stark sich zukünftige Umweltbedingungen von jenen unterscheiden könnten, an die diese Walpopulationen heute genetisch angepasst sind.
Die Analyse identifizierte mehrere Regionen der Arktis, in denen zukünftige Anpassungen besonders schwierig werden könnten. Die kanadische Hocharktis und die Hudson Bay tauchten bei allen drei Walarten wiederholt als Regionen mit einem hohen Risiko genetischer Fehlanpassungen auf. Regionen rund um die Baffin Bay, die Davisstrasse und die Labradorsee wirkten dagegen vergleichsweise stabil.
Je nach Art spielten unterschiedliche Umweltfaktoren eine zentrale Rolle. Bei Grönlandwalen war vor allem die Dicke des Meereises entscheidend, während Belugas und Narwale stärker mit Wassertemperaturen und der Produktivität des Ozeans in Verbindung standen. Diese Umweltbedingungen beeinflussen, wo Nahrung verfügbar ist, wie sich Wale durch die Arktis bewegen und wie gut sie vor Räubern geschützt sind.
Die Studie deutet ausserdem darauf hin, dass manche Walpopulationen besonders verletzlich sein könnten, weil sie stark an lokale Bedingungen angepasst sind. Narwale weisen beispielsweise eine ausgeprägte Populationsstruktur auf. Das bedeutet, dass sich verschiedene Gruppen über lange Zeiträume genetisch an bestimmte Regionen angepasst haben. Eine Narwalpopulation im nördlichen Teil der Hudson Bay erschien besonders gefährdet, da sie bereits Anzeichen erhöhter Inzucht zeigt und gleichzeitig grossen vorhergesagten Umweltveränderungen ausgesetzt ist.
Für Forschende gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der Studie, dass Evolution Zeit braucht. Anpassung geschieht schrittweise über viele Generationen hinweg, während Populationen auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Der Klimawandel verändert arktische Ökosysteme jedoch innerhalb weniger Jahrzehnte. Langlebige Tiere wie Wale könnten Schwierigkeiten haben, sich schnell genug anzupassen, um mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.
Die Ergebnisse zeigen auch einen Wandel innerhalb der Naturschutzbiologie. Der Schutz von Arten bedeutet möglicherweise nicht mehr nur, Lebensräume zu erhalten oder Populationsgrössen zu sichern, sondern auch die genetische Vielfalt zu bewahren, die zukünftige Anpassungen überhaupt erst ermöglicht.
Viele Unsicherheiten bleiben bestehen, und arktische Wale haben in ihrer Evolutionsgeschichte bereits grosse Umweltveränderungen überstanden. Dennoch deutet die Studie darauf hin, dass die Geschwindigkeit des heutigen Klimawandels eine neue Art von Herausforderung darstellen könnte. Während das Meereis weiter verschwindet, wird die Arktis zunehmend zu einer Umwelt, die sich von jener unterscheidet, an die diese Wale ursprünglich angepasst wurden.
Léa Zinsli, PolarJournal