Tausende Wale ziehen nach Ostgrönland

von Rosamaria Kubny
08/26/2026

Ein Finnwal zieht durch die ruhigen Gewässer Grönlands. Die großen Bartenwale werden inzwischen auch vor Ostgrönland immer häufiger beobachtet. (Foto: Aqqa Rosing-Asvid / Visit Greenland)

Vor der Ostküste Grönlands vollzieht sich ein bemerkenswerter Wandel. Finnwale, Buckelwale und Zwergwale, die in diesen Gewässern früher vergleichsweise selten waren, erscheinen inzwischen jeden Sommer zu Tausenden. Eine neue Studie zeigt, wie stark sich das marine Ökosystem innerhalb weniger Jahrzehnte verändert hat.

Systematische Erhebungen aus den Jahren 2015 und 2024 sowie weitere Beobachtungen zeigen eine deutliche Zunahme der Bartenwale. Die Forscher gehen von mehreren Tausend Tieren aus, die während des Sommers die Gewässer vor Ostgrönland als Nahrungsgebiet nutzen. Selbst nördlich des Polarkreises werden inzwischen große Ansammlungen beobachtet. Im August 2025 wurden Gruppen von bis zu 50 Walen gleichzeitig gemeldet.

Ein Buckelwal durchbricht vor der eisreichen Küste Grönlands die Wasseroberfläche. (Foto: PolarJournal)

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Rückgang des sommerlichen Meereises. Seit Ende der 1990er-Jahre haben sich die Gewässer vor Ostgrönland deutlich erwärmt, während sich das Packeis im Sommer immer weiter zurückgezogen hat. Dadurch werden Küstengebiete zugänglich, die für diese Walarten früher über längere Zeit vom Eis versperrt waren.

Doch die Wale folgen vor allem ihrer Nahrung. Lodden, kleine Schwarmfische und eine wichtige Beute vieler Meeressäuger, haben ihre sommerlichen Nahrungsgebiete zunehmend von Island in Richtung Ostgrönland verlagert. Finn-, Buckel- und Zwergwale scheinen dieser Entwicklung gefolgt zu sein. Gemeinsam könnten die Bartenwale während ihres etwa viermonatigen Aufenthalts vor Ostgrönland jährlich rund eine Million Tonnen Beute aufnehmen.

Lodden ziehen in großen Schwärmen durch die kalten Gewässer des Nordatlantiks. Die kleinen Fische sind eine wichtige Nahrungsquelle für Finn-, Buckel- und Zwergwale. (Foto: PolarJournal)

Besonders eindrücklich ist die Entwicklung bei den Buckelwalen. Bei schiffsgestützten Erhebungen wurde bis 2006 kein einziger Buckelwal registriert. 2007 waren es sieben Sichtungen, 2015 bereits 26 und 2024 mehr als 150. Auch Finn- und Zwergwale werden wesentlich häufiger beobachtet.

Die Wissenschaftler sprechen von einer zunehmenden „Borealisierung“ Ostgrönlands: Arten aus wärmeren, subarktischen Gewässern breiten sich nach Norden aus und treffen dort auf typische arktische Arten. Damit könnten sich auch Konkurrenzverhältnisse und Nahrungsnetze verändern. Eisgebundene Tiere wie Narwale müssen ihren Lebensraum zunehmend mit großen Bartenwalen teilen.

Die vielen Wale vor Ostgrönland sind damit nicht nur ein spektakuläres Naturschauspiel. Sie sind zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, wie schnell sich eines der bislang stark vom Meereis geprägten Ökosysteme der Arktis verändert.

Rosamaria Kubny, PolarJournal