Neue Untersuchungen zeigen, wie große Mengen Schmelzwasser aus der Ostantarktis in den Südlichen Ozean gelangen und sich dort weiträumig verteilen. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, wie eng das Abschmelzen der Schelfeise mit der Ozeanzirkulation verbunden ist.
Ein internationales Forschungsteam hat die Verteilung von Schmelzwasser vor dem Totten- und Moscow-University-Schelfeis in der Ostantarktis untersucht. Dafür kombinierten die Forschenden ozeanografische Messungen aus den Jahren 2012 bis 2024 mit einem auf neuronalen Netzen basierenden Verfahren.
Die Auswertung zeigt erhebliche Mengen: Am Totten-Schelfeis werden jährlich etwa 70 Milliarden Tonnen, am benachbarten Moscow-University-Schelfeis rund 53 Milliarden Tonnen Schmelzwasser freigesetzt. Das Wasser bleibt dabei nicht unmittelbar an der antarktischen Küste, sondern kann weit in den Südlichen Ozean transportiert werden.
Besonders interessant ist die räumliche Ausbreitung. Das vom Schelfeis stammende Süßwasser lässt sich den Berechnungen zufolge teilweise bis ungefähr 64° südlicher Breite verfolgen. Damit kann das Abschmelzen der ostantarktischen Schelfeise auch weiter entfernte Meeresgebiete beeinflussen.
Solches Süßwasser verändert Dichte und Schichtung des Meerwassers und kann damit Auswirkungen auf die regionale Ozeanzirkulation haben. Gleichzeitig spielt der Ozean selbst eine entscheidende Rolle beim Abschmelzen: Relativ warmes Tiefenwasser kann über Rinnen des Kontinentalschelfs bis an die Unterseite der Schelfeise gelangen. Frühere Untersuchungen haben insbesondere für das Totten-Schelfeis sehr hohe basale Schmelzraten nachgewiesen.
Die neue Untersuchung unterstreicht damit die Bedeutung der Ostantarktis für die zukünftige Entwicklung des Eisschildes und des Meeresspiegels. Gerade der Totten-Gletscher gilt als besonders sensibel gegenüber Veränderungen des Ozeans, weil er große Eismengen aus dem Inneren der Ostantarktis entwässert.
Heiner Kubny, PolarJournal