Warum Karibus ihre Wege jedes Jahr neu wählen

von Rosamaria Kubny
03/01/2026

Rentier (Karibu). Das Rentier ist ein an die Kälte perfekt angepasstes Säugetier aus der Familie der Hirsche. Es lebt zirkumpolar. Im Sommer streift es durch die Tundren, im Winter durch die Taiga Nordeurasiens und Nordamerikas sowie auf Grönland und anderen arktischen Inseln. In Nordamerika ist es als Karibu bekannt. (Foto: Heiner Kubny)

Alaska: Karibus nutzen kollektive Erfahrungen, um ihre Wanderungen flexibel an wechselnde Winterbedingungen anzupassen. Das zeigen neue, von der US-amerikanischen National Science Foundation geförderte Langzeitstudien. Die Ergebnisse liefern eindrucksvolle Belege dafür, dass soziales Gedächtnis eine zentrale Rolle für das Überleben großer Tierherden in einer sich rasch erwärmenden Arktis spielt.

Karibus sind die häufigste große Landsäugetierart der Arktis und für zahlreiche indigene Gemeinschaften eine zentrale Nahrungsquelle. Zugleich legen sie mit mehreren hundert Kilometern die längsten saisonalen Wanderungen aller Landtiere zurück. Auffällig dabei ist, dass die Tiere nicht jedes Jahr denselben Routen folgen.

Rentiere passen ihre Ernährung den Jahreszeiten an. Im Sommer fressen sie vielfältige Pflanzen, während sie im Winter hauptsächlich von Rentierflechten, Moosen und Pilzen leben. (Foto: Rosamaria Kubny)

Um die Ursachen dieser Flexibilität zu verstehen, untersuchte ein Forschungsteam um Eliezer Gurarie, Professor an der State University of New York, gemeinsam mit dem National Park Service die westarktische Karibuherde. Über einen Zeitraum von elf Jahren (2009–2020) wurden mehr als 300 weibliche Tiere mithilfe von GPS-Sendern verfolgt. Das Untersuchungsgebiet umfasste rund 360.000 Quadratkilometer im Nordwesten Alaskas.

Die Analyse zeigte, dass der Überwinterungsort maßgeblich vom Wetter abhängt. In warmen, windigen Wintern überlebten Karibus häufiger südlich des Kobuk-Flusses, während in schneereicheren, ruhigeren Wintern nördlich des Flusses bessere Bedingungen herrschten. Die Tiere entschieden jedes Jahr neu, ob sie den Fluss überquerten, offenbar auf Grundlage früherer Erfahrungen der Herde.

Zu den jahreszeitlichen Wanderungen schließen sich Rentiere zu großen Herden zusammen, die regional mehrere hunderttausend Tiere umfassen können. (Foto: Heiner Kubny)

„Ein totes Tier erinnert sich definitionsgemäß an nichts“, sagt Gurarie. „Doch die Umweltbedingungen, die zu geringeren Überlebenschancen geführt haben, bleiben im kollektiven Gedächtnis der Herde erhalten.“

Die Ergebnisse belegen, dass Karibus Risiken nicht nur erkennen, sondern ihr Wissen sozial weitergeben und für gemeinsame Entscheidungen nutzen. Dieses kollektive Lernen reduziert das Sterberisiko einzelner Tiere und erhöht die Überlebenschancen der gesamten Herde.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Arktis schneller erwärmt als fast jede andere Region der Erde, könnte dieses Verhalten entscheidend für die Zukunft der Art sein. Die Studie zeigt, dass soziale Lernprozesse bei Wildtieren ein bislang unterschätzter Faktor für die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel sind.

Rosamaria Kubny, PolarJournal