Die norwegischen Behörden haben die russische Professor Molchanov am 2. September in Barentsburg auf gerichtliche Anordnung festgesetzt. Hintergrund ist eine Entschädigungsforderung des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz gegen Russland. Alle 69 Passagiere und Besatzungsmitglieder sind inzwischen nach Russland zurückgekehrt. Um das Schiff dauert die rechtliche Auseinandersetzung an.
Die Beschlagnahmung der Professor Molchanov geht auf eine gerichtliche Entscheidung vom 31. August 2026 zurück.
Der Gouverneur von Svalbard setzte die Anordnung am 2. September 2026 in Barentsburg um, der russischen Bergbausiedlung auf dem unter norwegischer Souveränität stehenden Archipel. Nach der Mitteilung des Gouverneurs muss das Schiff dort bleiben, bis die Behörde oder das zuständige Gericht etwas anderes entscheidet.
Hinter der Massnahme steht ein seit Jahren andauernder Entschädigungsstreit um Vermögenswerte auf der Krim.
Der staatliche ukrainische Energiekonzern Naftogaz fordert Ersatz für Öl- und Gasvermögenswerte, die Russland nach der Annexion der Halbinsel im Jahr 2014 enteignet hatte.
Ein Schiedsgericht in Den Haag sprach Naftogaz und mehreren Unternehmen der Gruppe 2023 eine Entschädigung zu.
Die Forderung, auf deren Durchsetzung das Verfahren in Norwegen abzielt, beläuft sich auf rund 4,22 Milliarden US-Dollar zuzüglich Zinsen und Kosten. Russland erkennt die Zuständigkeit des Schiedsgerichts nicht an und hat die Entschädigung nicht gezahlt. Naftogaz versucht deshalb, die Forderung gegen russisches Staatsvermögen im Ausland durchzusetzen.
Die Beschlagnahmung der Professor Molchanov ist Teil dieses Vorgehens.
Die Nutzung des Schiffes als Streitpunkt
Die Professor Molchanov wurde in Turku, Finnland, als eisverstärktes Forschungsschiff für die Sowjetunion gebaut.
Sie lief Ende 1982 vom Stapel und wurde 1983 in Dienst gestellt. Ab 1991 kam sie hauptsächlich für touristische Expeditionsreisen in die Arktis und Antarktis zum Einsatz. Seit 2012 diente sie als Ausbildungsschiff im Rahmen der russischen „Arctic Floating University“, deren Expeditionen vor allem in der russischen Hocharktis stattfanden.
Im Juni 2025 nahm sie regelmässige Fahrten zwischen Murmansk und Barentsburg auf.
Die unterschiedliche Nutzung spielt in der Auseinandersetzung eine wichtige Rolle. Die russische Seite verweist auf die Zugehörigkeit des Schiffes zum staatlichen Wetter- und Umweltüberwachungsdienst Roshydromet sowie auf seine wissenschaftlichen Aufgaben und seine Funktion bei der Versorgung der russischen Siedlungen auf Spitzbergen.
Daraus leitet sie einen Anspruch auf Schutz vor der Beschlagnahmung durch Staatenimmunität ab.
Naftogaz verweist dagegen auf die kommerzielle Nutzung des Schiffes.
Alle 69 Personen nach Russland zurückgekehrt
Die 69 Passagiere und Besatzungsmitglieder, die ursprünglich mit der Professor Molchanov zum russischen Festland zurückkehren sollten, erreichten Russland am 8. September. Nach Angaben des russischen Aussenministeriums wurde die Rückreise mit Unterstützung der norwegischen Behörden und in Abstimmung zwischen Arktikugol und den russischen diplomatischen Vertretungen organisiert. Sie führte über Kirkenes auf dem norwegischen Festland nach Russland.
Russischer Protest und norwegische Einordnung
Das russische Aussenministerium bestellte die norwegische Botschafterin Heidi Olufsen am 3. September ein und protestierte gegen die Beschlagnahmung. Es forderte deren Aufhebung und warf Norwegen vor, gegen den Svalbard-Vertrag zu verstossen.
Der russische Botschafter in Norwegen, Nikolai Korchunov, bezeichnete die Massnahme gegenüber dem russischen Nachrichtenportal RBC als „politisch motivierten Verstoss gegen das Völkerrecht“. Aus dem Zeitpunkt der gerichtlichen Anordnung vor der Ankunft des Schiffes leitete er den Vorwurf eines koordinierten Vorgehens ab. Er kündigte an, dass Anwälte die Entscheidung gerichtlich anfechten würden.
Das norwegische Justizministerium betonte hingegen, dass Norwegen selbst keine Partei des Rechtsstreits sei.
Die Auseinandersetzung betreffe Naftogaz und Russland. Der Gouverneur habe lediglich die gerichtliche Anordnung vollzogen.
Die russische Seite könne eine erneute gerichtliche Prüfung der Massnahme verlangen.
Mit der Rückkehr der Passagiere und Besatzungsmitglieder ist deren Heimreise abgeschlossen.
Die rechtliche Auseinandersetzung um das Schiff bleibt davon unberührt: Die veröffentlichte Anordnung sieht seinen Verbleib in Barentsburg bis zu einer anderslautenden Entscheidung vor.
Marcel Schütz, PolarJournal