Mehr als 200 verschiedene Pflanzenarten sind in den vergangenen fünf Jahren erfolgreich am kältesten Ort der Erde angebaut worden. Spezialisten der russischen Antarktisexpedition und des Antarktischen Forschungsinstituts kultivierten an der Wostok-Station eine breite Palette von Blattgemüse, Gemüse- und Melonensorten – trotz extremen klimatischen Bedingungen.
Frischer Salat, Tomaten und Gurken aus dem stationseigenen Gewächshaus gehören mittlerweile nahezu dauerhaft zum Speiseplan der Polarforscher. Perspektivisch ist auch der Anbau von Erdbeeren geplant. Das Obst- und Beerenanbauprojekt ist Teil des Experiments „Pflanzen“ und wird seit 2020 in Zusammenarbeit mit dem Agrophysikalischen Forschungsinstitut sowie dem Institut für Biomedizinische Probleme der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt.
Im phytotechnologischen Gewächshauskomplex werden verschiedene Kohlarten, Blattgemüse, Kräuter sowie Tomaten, Paprika, Gurken und Wassermelonen angebaut.
„Das Aufziehen und Beobachten der Pflanzenentwicklung weckt großes Interesse bei den Polarforschern und wirkt sich positiv auf ihr psychisches und emotionales Wohlbefinden aus. Die Reifung der Früchte mitzuerleben, ist ein besonderes Vergnügen. Das Erscheinen der ersten kleinen Wassermelonen war für uns eine große Freude“, berichtet Sergei Stupnikov, leitender Geophysiker der Wostok-Station.
Die Ernte erfolgt in speziell entwickelten Gewächshausanlagen des Agrophysikalischen Forschungsinstituts. Diese sind mit innovativen Lichtsystemen ausgestattet, deren Spektrum, Intensität und Gleichmäßigkeit exakt auf die jeweilige Pflanzenart abgestimmt sind. Ergänzt werden sie durch ressourcenschonende Pflanzenschutz- und Kontrollsysteme.
„Dank der phytotechnologischen Gewächshauskomplexe kann die Ernährung der Stationsmitglieder regelmäßig mit frischen, vitaminreichen Pflanzenprodukten ergänzt werden. Zudem hat sich die Vielfalt der zubereiteten Gerichte deutlich erhöht“, erklärt Dmitri Baschmaschnikow, Leiter der 70. Russischen Antarktisexpedition. Die Präsenz lebender Pflanzen habe zudem positive Auswirkungen auf Gesundheit sowie psychisches und emotionales Wohlbefinden.
Zum Einsatz kommt dabei die sogenannte Panoponic-Technologie, die ein optimales Verhältnis von fester, flüssiger und gasförmiger Phase im Wurzelbereich gewährleistet und eine präzise Kontrolle aller Umweltparameter ermöglicht.
„Selbst unter den extremen Bedingungen der Wostok-Station erreichen die meisten Kulturpflanzen ihr volles Ertragspotenzial. Qualität und Ertrag sind mit modernen Gewächshäusern mit künstlicher Beleuchtung vergleichbar“, betont Ilja Stepnadse, leitender Magnetologe der Station. Wassermelonen und Gurken würden dabei in separaten Phytokomplexen für rankende Pflanzen angebaut – von der Aussaat über Blüte und Bestäubung bis zur vollständigen Reife.
Heiner Kubny, PolarJournal