Bild: Marcel Schütz
An der weiten Westküste der Inselgruppe Spitzbergen liegt die Siedlung Ny-Ålesund. Heute ist er ein internationaler Forschungsstützpunkt und einer der nördlichsten dauerhaft bewohnten Orte der Erde. Zwischen modernen Messstationen, schlichten Holzhäusern und endloser Tundra steht jedoch ein stiller Zeuge einer ganz anderen Zeit: die historische Lokomotive von Ny-Ålesund.
Diese Lokomotive erzählt von harter Arbeit, technischen Herausforderungen und dem menschlichen Willen, selbst unter extremsten Bedingungen Ressourcen zu beschaffen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Ny-Ålesund kein Ort der Wissenschaft, sondern eine abgelegene Bergarbeitersiedlung. Der Abbau von Kohle bestimmte den Alltag, und um dieses wertvolle Gut von den Minen zum Hafen zu transportieren, wurde eine kleine Eisenbahnstrecke angelegt. Das Herzstück dieser Bahn war die Lokomotive, die Tag für Tag schwere Loren durch die Gegend zog.
Ihre Geschichte beginnt jedoch weit entfernt von der Arktis. Die Lokomotive wurde 1909 in Berlin vom bekannten deutschen Lokomotivhersteller Borsig gebaut, einem der führenden Produzenten von Dampflokomotiven im damaligen Kaiserreich Deutschland. Nach ihrer Fertigstellung kam sie zunächst in Nordnorwegen zum Einsatz, genauer beim Salangsverket in Troms, zwischen Tromsø und den Lofoten, in einer industriellen Anlage.
Im Jahr 1917 erwarb die Bergbaugesellschaft Kings Bay Kull Compani A/S die Lokomotive. Diese Gesellschaft war 1916 gegründet worden, um den Kohleabbau in Ny-Ålesund systematisch auszubauen. Am 12. Juli 1917 erreichte die Lokomotive schließlich ihr Ziel: Per Schiff wurde sie über die Barentssee bis in den Kongsfjord transportiert und nach Ny-Ålesund gebracht. Dort gehörte sie zu den ersten Fahrzeugen der neuen Industrie-Eisenbahn, die Kohle aus den Minen direkt zur Verladestelle am Hafen brachte.
In Ny-Ålesund erhielt die Lokomotive den Spitznamen „Toa“. Sie war Teil einer kleinen Schmalspurbahn, deren Gleise nur wenige hundert Meter lang waren, für den Bergbau jedoch von entscheidender Bedeutung. Trotz eisiger Temperaturen und monatelanger Dunkelheit im Winter verrichtete die Lokomotive zuverlässig ihren Dienst. Für die Bergleute war sie mehr als nur eine Maschine, sie war ein Symbol für Arbeit, Versorgung und Verbindung zur Außenwelt.
Doch die Geschichte des Bergbaus in Ny-Ålesund ist von vielen Tragödien geprägt. Mehrere schwere Grubenunglücke forderten zahlreiche Menschenleben. Schließlich wurde der Kohleabbau 1963 endgültig eingestellt. Damit verlor auch die Eisenbahn ihre Aufgabe, und die Lokomotive kam zum Stillstand.
Anstatt jedoch verschrottet oder vergessen zu werden, blieb sie erhalten. Als einziges erhaltenes Lokomotiv-Relikt der Eisenbahn von Ny-Ålesund wurde sie zum Denkmal dieser vergangenen Epoche. Sie erinnert bis heute an die Männer, die unter extremen Bedingungen arbeiteten, und an den hohen Preis, den die Erschließung dieser Region forderte.
In den 2010er-Jahren wurde die Lokomotive sorgfältig restauriert. 2016 brachte man sie zur Überholung auf das norwegische Festland, bevor sie im Frühjahr 2017 an ihren historischen Standort in Ny-Ålesund zurückkehrte. Heute steht sie ruhig am Hafen, umgeben von arktischer Landschaft und fast unwirklicher Stille.
Die Lokomotive von Ny-Ålesund ist mehr als ein technisches Relikt. Sie ist eingefrorene Geschichte aus Stahl – ein Symbol für menschlichen Ehrgeiz, industrielle Pionierarbeit und das Leben am Rand der bewohnten Welt. Wer vor ihr steht, blickt nicht nur auf eine Maschine, sondern auf ein Stück Vergangenheit, das bis heute seine Geschichte erzählt.
PolarJournal Marcel Schütz