Putin billigt Nordpol-Basis und weitere Arktis-Aufträge per Dekret

von Marcel Schütz
12/20/2025

Eine Antonov 74-100 landet im Ice-Camp Barneo nahe des geografischen Nordpols – Bild: Marcel Schütz

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am 15. Dezember per Dekret den Aufbau einer nicht permanenten Eisbasis am Nordpol angeordnet. Die geplante Artur-Tschilingarow-Eisbasis soll auf arktischem Drifteis nahe dem Nordpol errichtet werden und sowohl wissenschaftlichen Zwecken als auch zeitlich begrenzten Aufenthalten von jeglichen Besuchern wie Touristen dienen. Beobachter gehen davon aus, dass das Vorhaben neben der Forschung und Tourismus auch geopolitisch-strategischen Interessen dient. Die ersten Aufenthalte im neuen Camp sind für April 2026 geplant.

Das Projekt wird laut offiziellen Angaben gemeinsam mit der Russischen Geographischen Gesellschaft und der Russischen Akademie der Wissenschaften umgesetzt. Namensgeber ist der im Jahre 2023 verstorbene Artur Tschilingarow, der in Russland als zentrale Figur der Arktisforschung gilt.

Das neue Eiscamp wird nach Artur Tschilingarow benannt – Bild: Marcel Schütz

Der Betrieb stationärer Einrichtungen auf Drifteis ist in den vergangenen Jahren zunehmend schwieriger geworden. Ursache ist die fortschreitende Ausdünnung und Destabilisierung des arktischen Meereises. Das frühere, privat organisierte Barneo Ice Camp, das zeitweise als saisonale Plattform für internationale Forschung und Expeditionen diente, konnte zuletzt 2018 regulär betrieben werden. Auch andere Drifteisstationen, darunter die russische Station „Nordpol-40“, mussten im letzten Jahrzehnt aufgrund instabiler Eisschollen frühzeitig aufgegeben werden. Solche Stationen erfüllten neben wissenschaftlichen auch immer wieder symbolische Funktionen im Kontext arktischer Präsenzpolitik.

Artur Tschilingarow Ice Camp Bild: Telegram Seite vom Tschilingarow-Icecamp

Nutzungskonzept und Logistik

Die geplante Tschilingarow-Basis ist als kombinierte Forschungs- und Besuchseinrichtung konzipiert.
Ein bis zu fünftägiger Aufenthalt soll mindestens 3,7 Millionen Rubel (rund 40.000 Euro) kosten. Die Nutzung ist auf den Monat April beschränkt, der als relativ stabiles Zeitfenster gilt, bevor steigende Temperaturen die Eisstabilität weiter reduzieren.

Der Preis spiegelt den hohen logistischen Aufwand wider, der für die Errichtung und den Betrieb eines solchen Camps in der Hocharktis erforderlich ist. Dazu zählen vorbereitende Arbeiten, der Auf- und Rückbau der Infrastruktur, Charterflüge aus Krasnoyarsk und Khatanga, spezialisierte Ausrüstung sowie medizinische und sicherheitstechnische Absicherungen. Ob eine Kooperation mit dem früheren Camp Barneo-Camp vorgesehen ist, bleibt offen.

Eiscamp Barneo – Bild: Marcel Schütz

Klimatische und technische Rahmenbedingungen

Fachliche Einschätzungen weisen auf wachsende Risiken beim Bau und Betrieb von Einrichtungen auf driftendem Meereis hin. Mehrjähriges, dickes Eis, das früher als verlässliche Grundlage diente, ist in der hohen Arktis deutlich seltener geworden. Rissbildung infolge wärmerer Temperaturen, verstärkter Driftbewegungen sowie ein genereller Mangel an ausreichend dickem Eis erhöhen die operativen Unsicherheiten.

Internationale Akteure verlagern die polare Forschung daher zunehmend auf alternative Plattformen, insbesondere auf Forschungseisbrecher oder schwimmende Stationen.
Seit diesem Sommer ist beispielsweise die neu gebaute französische driftende Forschungsplattform„Tara Polar Station“ im Packeis rund um den Nordpol unterwegs. Sie dient im arktischen Meereis als mobiles wissenschaftliches Labor, wird von der Fondation Tara Océan betrieben und zielt darauf ab, langfristige Daten zu Ökosystemen, Klimaänderungen und der Biodiversität im zentralen Arktischen Ozean zu sammeln.
Auch Russland setzt ergänzend auf solche Konzepte. Seit 2022 ist mit der „Severny Polyus“ eine eisresistente, schwimmende Forschungsplattform im Einsatz, die weniger von der Stabilität einzelner Eisschollen abhängig ist.

Politischer Kontext

Das Dekret zur Errichtung der Eisbasis steht im Zusammenhang mit Putins Teilnahme am XVII. Kongress der Russischen Geographischen Gesellschaft im Oktober. Dort betonte er die Rolle geographischer Forschung für russisch-staatlicher Planung und wissenschaftliche Entwicklung und schlug vor, das Jahr 2027 zum „Jahr der Geographie“ zu erklären.

Im Anschluss an den Kongress billigte der russische Präsident einen erweiterten Katalog staatlicher Aufträge. Neben der Beteiligung am Aufbau der Tschilingarow-Basis umfasst dieser die Entwicklung einer einheitlichen staatlichen Lehrbuchreihe für das Schulfach Geographie sowie die Ausarbeitung von Expeditions- und Bildungsprogrammen. Diese sollen unter anderem auch Aktivitäten in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine, Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson, vorsehen.

Insgesamt ist das Projekt der Nordpol-Eisbasis sowohl als wissenschaftliches Vorhaben als auch als Bestandteil russischer Arktispolitik zu betrachten. Die tatsächliche Umsetzung und Dauerhaftigkeit des Vorhabens werden massgeblich von klimatischen, technischen und logistischen Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren abhängen.

Benannt wird das neue Eiscamp nach Artur Nikolayevich Tschilingarow – Bild: Marcel Schütz

Artur Nikolajewitsch Tschilingarow (1939–2023) war ein russischer Polarforscher, Ozeanologe und Politiker. Er wurde am 25. September 1939 in Leningrad (dem heutigen Sankt Petersburg) geboren. Tschilingarow nahm an zahlreichen Arktis- und Antarktisexpeditionen teil und leitete mehrere davon.

Weltweit bekannt wurde er 2007 durch die Expedition „Arktika-2007“ zum Nordpol, bei der er eine Schlüsselrolle spielte. Im Verlauf der Mission erreichten die russischen Tiefsee-U-Boote Mir-1 und Mir-2 den Meeresboden am Nordpol und platzierten dort eine russische Titanflagge – ein Ereignis, das weltweit Aufmerksamkeit auf die arktische Geopolitik lenkte. Darüber hinaus war er Abgeordneter der russischen Staatsduma und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Titel Held der Sowjetunion und Held der Russischen Föderation. Artur Tschilingarow starb am 1. August 2023 nach langer Krankheit.

Marcel Schütz, PolarJournal