Churchill, Kanada
Mitten in der kargen Weite der Tundra haben Wissenschaftler einen Moment erlebt, der selbst erfahrene Eisbärenforscher innehalten lässt. Nahe der Kleinstadt Churchill im Nordosten Manitobas wurde eine Eisbärenmutter mit zweiJungtieren gesichtet – doch nur eines davon war ihr eigenes.
Das zweite hatte sie adoptiert. Ein extrem seltenes Ereignis.
Nach Angaben der Forschenden handelt es sich erst um den 13. dokumentierten Fall einer Jungenadoption innerhalb der westlichen Hudson-Bay-Population. Entdeckt wurde das außergewöhnliche Familienbild während einer wissenschaftlichen Beobachtung durch Teams von Polar Bears International und Environment and Climate Change Canada.
„Als wir die Bestätigung hatten, war ich emotional sehr bewegt“, sagt Alysa McCall von Polar Bears International. „Vor allem aber war da Hoffnung. Es zeigt, wie stark das mütterliche Verhalten dieser Tiere ist – und warum Eisbären uns immer wieder faszinieren.“
Vom Zweier- zum Dreiergespann
Bereits im Frühjahr hatten Forscher die Bärenmutter beim Verlassen ihres Wurfgebietes im Wapusk National Parkbeobachtet – damals noch mit nur einem Jungtier. Monate später, im Herbst, folgte die Überraschung: Die Familie war gewachsen.
Zwei der Tiere trugen GPS-Halsbänder, das zweite Jungtier jedoch nicht. Für die Wissenschaftler ein klares Zeichen: Dieses Junge konnte nicht von der Mutter stammen. Die Datenlage ließ keinen Zweifel – es handelte sich um eine Adoption.
„In über 45 Jahren Forschung kennen wir mehr als 4.600 einzelne Eisbären und Hunderte Würfe“, erklärt der Forscher Evan Richardson von Environment and Climate Change Canada. „Und trotzdem sind solche Fälle extrem selten.“
Warum eine Eisbärenmutter adoptiert
Die Mutter ist Schätzungen zufolge rund fünf Jahre alt, beide Jungtiere etwa zehn bis elf Monate. Warum sie ein fremdes, offenbar mutterloses Junges aufgenommen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Evan Richardson, Eisbärenforscher bei Environment and Climate Change Canada, vermutet einen instinktiven Impuls: „Eisbären sind außergewöhnlich fürsorgliche Mütter. Wir glauben, dass sie ein rufendes Jungtier einfach nicht zurücklassen können.“
Für das adoptierte Junge könnte diese Entscheidung lebensrettend sein. Denn ohne Mutter haben Eisbärenjunge kaum Überlebenschancen. Zwar erreicht insgesamt nur etwa die Hälfte aller Jungtiere das Erwachsenenalter – doch ganz allein in der Tundra wäre die Chance nahezu null gewesen.
Ein seltener Lichtblick und ein kleines Weihnachtswunder
Was mit der leiblichen Mutter des Jungtiers geschehen ist, bleibt unklar. Genetische Proben sollen nun mögliche Hinweise liefern. Sicher ist jedoch: In Zeiten des Klimawandels, schwindenden Meereises und wachsender Herausforderungen für die Art ist diese Adoption mehr als eine biologische Kuriosität.
„Die Bären brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können“, sagt Richardson. „Wenn ein Weibchen ein weiteres Jungtier aufnehmen und erfolgreich großziehen kann, ist das ein Gewinn für die gesamte Population.“
Ein kleiner Akt der Fürsorge – und ein großes Zeichen der Hoffnung. In der eisigen Wildnis rund um Churchill erinnert diese seltene Begegnung daran, dass selbst unter härtesten Bedingungen Mitgefühl und Überleben manchmal Hand in Hand gehen.
Marcel Schütz, PolarJournal