Zunehmende Besuche von Eisbären auf der Jagd nach Eiern setzen die im Kongsfjord auf Spitzbergen brütenden Eiderenten immer mehr unter Druck. Im Verlauf der Brutsaison registrierten Forschende des Norwegischen Instituts für Naturforschung (NINA) so viele Bärenbesuche wie nie zuvor an diesem Ort. Das weckt Sorgen um die Eiderkolonie und um Wildtiere, die in der sich rasch erwärmenden Arktis ohnehin unter Druck stehen.
Zwischen dem 4. Juni und dem 4. Juli verzeichneten die Forschenden 30 Tage mit Eisbärbesuchen an den Brutplätzen der Enten im Fjord. Im Durchschnitt war damit während der besonders verletzlichen Phase der Brutzeit jeden Tag ein Eisbär in der Nähe.
„Das ist die höchste Zahl, die wir je registriert haben“, sagten die NINA-Forschenden Sveinn Are Hanssen und Børge Moe nach der diesjährigen Feldarbeit auf Svalbard.
Gemeinsam mit dem Norwegischen Polarinstitut überwachen die Forschenden die Eiderpopulation und dokumentieren, wie sie von Eisbären beeinflusst wird. Auf den Aufnahmen aller bis auf eine der elf Nistkameras waren Bären zu sehen, die die Eier fraßen. Im letzten Fall schaffte es das Eiderweibchen, seine Eier auszubrüten und das Nest zusammen mit den Küken zu verlassen, bevor der Bär eintraf.
Die anschließende Feldarbeit der Forschenden bestätigte, dass in diesem Jahr nur sehr wenige Eiderweibchen im Kongsfjord erfolgreich Nachwuchs großziehen konnten.
Wenn das Meereis schwindet und sich früher auflöst, verlieren Eisbären den Zugang zu den Jagdgebieten für Robben, auf die sie normalerweise angewiesen sind. Auf dem Packeis sind Robben ihre wichtigste Beute, weil sie die fettreiche Nahrung liefern, die die Bären zum Überleben brauchen. Mit Jahr für Jahr geringer werdender Eisbedeckung sind die Eisbären gezwungen, längere Zeit an Land zu verbringen, und greifen zunehmend auf andere Nahrungsquellen wie Vogeleier zurück. Dadurch werden die Brutkolonien genau in der Phase zu einem häufigeren Ziel, in der die Vögel am verletzlichsten sind.
Die Meereisausdehnung lag im Juni 2026 bereits deutlich unter dem Durchschnitt. Am 10. Juni wurden 11,18 Millionen Quadratkilometer gemessen, der fünftniedrigste Wert für dieses Datum seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch das Wintermaximum war außergewöhnlich schwach: Am 7. März erreichte das winterliche Meereis sein niedrigstes je gemessenes Maximum, und auch der Märzwert insgesamt war der niedrigste für diesen Monat.
Die Forschung zu den Eiderkolonien im Kongsfjord hat eine lange wissenschaftliche Tradition und wird seit den 1970er-Jahren betrieben. NINA verfügt über eine Datenreihe zu brütenden Eiderenten welche bis in das Jahr 1981 zurückreicht und den Forschenden eine der wertvollsten Langzeitaufzeichnungen zur arktischen Vogelökologie in der Region bietet. Im vergangenen Jahr veröffentlichten NINA-Forschende zudem eine wissenschaftliche Arbeit, die zeigte, dass das tauende Meereis mehrere Inseln vom Festland Spitzbergens isoliert und damit besseren Schutz vor Prädation durch den Polarfuchs bietet, während der Druck durch Eisbären zunimmt. Die Gesamtpopulation der Eiderenten ist in den vergangenen Jahren rückläufig; 2026 wurden im Kongsfjord-Forschungsgebiet 28 Prozent weniger Eiderenten als im Vorjahr beobachtet.
Wie mehrere andere arktische Seevögel werden auch Eiderenten direkt von der sich erwärmenden Umwelt beeinflusst. Studien zeigen, dass arktische Vögel nur schlecht mit Hitzestress zurechtkommen, sodass brütende Vögel nicht nur durch Räuber, sondern auch durch die Umweltbedingungen während der Brutzeit unter Druck geraten können. In der sich rasch erwärmenden Arktis können wärmere Sommer zu erhöhter Herzfrequenz, Dehydrierung, Überhitzung und einem höheren Energieverbrauch bei brütenden Weibchen führen, die während der Brut regelmäßig rund 30 bis 45 Prozent ihres Körpergewichts verlieren weil sie die bebrüteten Eier nicht verlassen.
Eiderenten sind langlebige Vögel und können einige Jahre mit geringem Bruterfolg verkraften. Doch die wiederholten Verluste summieren sich. Hanssen sagte, dass die Prädation durch Eisbären den Bruterfolg in vielen Jahren des vergangenen Jahrzehnts verringert habe, was die Frage aufwerfe, ob die Population nun zu schrumpfen beginne.
„Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir beginnen, die Folgen unzureichender Rekrutierung zu sehen“, sagte Sebastien Descamps, Seevogelforscher am Norwegischen Polarinstitut, mit Blick auf den diesjährigen Rückgang der Brutvögel um 28 Prozent.
Für die Forschenden unterstreichen diese Ergebnisse den Wert langfristiger Forschung in der Arktis, der sich am schnellsten erwärmende Region der Welt. Nur eine Fortsetzung der über viele Jahre hinweg laufenden Untersuchungen wird zeigen können, ob solche Jahre Ausreißer bleiben oder Teil eines längerfristigen Wandels in der Populationsentwicklung sind.

