Unter dem Taylor-Gletscher in der Antarktis verbirgt sich offenbar ein biologisches Erbe aus einer Zeit, als Meerwasser weit in die heutigen McMurdo Dry Valleys vordrang. Bei den berühmten Blood Falls haben Forschende Mikroorganismen entdeckt, deren Ursprung eng mit diesem früheren Meer verbunden sein könnte.
Die Blood Falls gehören zu den ungewöhnlichsten Naturerscheinungen der Antarktis. Am Ende des Taylor-Gletschers tritt zeitweise eine stark salzhaltige, eisenreiche Flüssigkeit aus dem Eis. Sobald das gelöste Eisen mit Sauerstoff in Kontakt kommt, oxidiert es und färbt Eis und Sedimente charakteristisch rot.
Ein internationales Forschungsteam um Angela Zoumplis hat nun Hinweise auf eine ungewöhnliche Gemeinschaft komplexer Mikroorganismen gefunden. Die Ergebnisse wurden Anfang August 2026 in Nature Geoscience veröffentlicht.
Marine Organismen unter dem Eis
Die Forschenden untersuchten insgesamt 167 Proben aus Wasser, Eis, Schlamm und Sedimenten der McMurdo Dry Valleys sowie Vergleichsproben aus dem McMurdo Sound.
Gerade im roten Eis und Sediment am Ende des Taylor-Gletschers fanden sie zahlreiche Mikroorganismen, die normalerweise mit marinen Lebensräumen verbunden sind. Dazu gehören Kieselalgen, Dinoflagellaten, Haptophyten und Ciliaten. In einigen Proben machten marine Kieselalgen einen besonders hohen Anteil der nachgewiesenen Gemeinschaft aus.
Noch überraschender waren RNA-Analysen. Sie zeigten, dass zumindest ein Teil der Organismen stoffwechselaktiv ist. Es handelt sich damit offenbar nicht nur um biologische Überreste längst abgestorbener Lebewesen.
Auch eine Verfrachtung der Organismen durch Wind von der Küste ins Landesinnere kann die Ergebnisse nach Ansicht der Forschenden nicht ausreichend erklären. Einige der bei den Blood Falls gefundenen Kieselalgen unterscheiden sich zudem genetisch von heutigen Populationen im McMurdo Sound.
Überbleibsel eines früheren Meeres
Die Entdeckung passt zu früheren Untersuchungen des Wassers unter dem Taylor-Gletscher. Während wärmerer Klimaperioden könnte Meerwasser in das Taylor Valley eingedrungen sein. Später wurde ein Teil dieses salzhaltigen Wassers durch Veränderungen des Meeresspiegels und das Vorrücken des Gletschers vom Ozean abgeschnitten und unter dem Eis eingeschlossen.
Wie lange diese Isolation bereits besteht, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Ergebnisse liefern jedoch Hinweise darauf, dass das System bei den Blood Falls biologische Spuren einer früheren Verbindung mit dem Meer bewahrt hat.
Die stark salzhaltige Sole spielt dabei eine entscheidende Rolle. Salz senkt den Gefrierpunkt und ermöglicht, dass selbst unter extrem kalten antarktischen Bedingungen flüssiges Wasser unter dem Gletscher erhalten bleibt.
Für die Wissenschaft bieten die Blood Falls damit ein außergewöhnliches Fenster in die Vergangenheit. Die dortigen Mikroorganismen könnten zeigen, wie sich Leben an extreme Kälte, hohen Salzgehalt und lange Isolation anpasst und wie biologische Gemeinschaften große Veränderungen ihrer Umwelt überdauern können.
Heiner Kubny, PolarJournal

