Forschende haben untersucht, ob der Māori-Mond- und Umweltkalender Maramataka helfen kann, Umweltveränderungen in der Antarktis anhand natürlicher Zeichen wie Schneetypen oder dem Verhalten von Tieren zu beobachten. Durch die Verbindung von mātauranga Māori mit westlicher Wissenschaft zeigen sich neue Wege, die Polarregion über indigenes Wissen und tiefe ökologische Zusammenhänge besser zu verstehen.
Von Holly Winton und Ayla Hoeta
Die Muster der starken jahreszeitlichen Veränderungen in der Antarktis – monatelange Dunkelheit gefolgt von einem Sommer mit 24 Stunden Tageslicht – haben uns dazu veranlasst, zu untersuchen, inwieweit sich der Māori-Mond- und Umweltkalender Maramataka auf den Kontinent anwenden lässt und dabei helfen kann, Veränderungen im Zuge der fortschreitenden Erderwärmung besser wahrzunehmen.
Der Maramataka ist ein überliefertes Wissenssystem, das mithilfe von Umweltzeichen (tohu) Zusammenhänge zwischen Mondphasen und Naturgeschehen vermittelt. Er beschreibt den mauri – den Energiefluss – zwischen Land (whenua), Ozean (moana) sowie Himmel und Atmosphäre (rangi) und zeigt auf, wie der Mensch mit der natürlichen Welt verbunden ist.
Maramataka sind regionalspezifisch. In Manukau zum Beispiel zeigt die Ankunft von Pfuhlschnepfen aus der Arktis saisonale Veränderungen an, die mit der Wanderung von Aalen über den örtlichen Puhinui-Strom übereinstimmen.
Während matiti muramura, der dritten Sommerphase rund um die Sommersonnenwende, gibt die Umwelt tohu – Zeichen –, die saisonale Aktivitäten lenken. Die Blüte des Pohutukawa ist ein Zeichen des Landes (tohu o te whenua), das Erscheinen von Rehua (Antares, der hellste Stern im Sternbild Skorpion) ein Zeichen des Himmels (tohu o te rangi), und Seeigel (kina) gelten als Zeichen des Meeres (tohu o te moana).
Wenn diese Zeichen im Einklang erscheinen, deutet das auf ein Gleichgewicht in der Natur hin – und auf den richtigen Zeitpunkt, um Nahrung zu sammeln. Sind sie jedoch nicht synchron, etwa wenn Pflanzen zu früh blühen oder die kina(Seeigel) ungewöhnlich klein sind, weist das darauf hin, dass etwas in der Umwelt (te taiao) aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Diese tohu erinnern uns daran, wie eng Land, Meer und Himmel miteinander verbunden sind und wie wichtig aufmerksames Beobachten ist. Wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten, fordern sie uns auf, innezuhalten, genau hinzusehen und unser Handeln so anzupassen, dass das natürliche Gleichgewicht wiederhergestellt und der mauri von te taiao bewahrt wird.
Mit dem Maramataka durch die Antarktis
Eines der wichtigsten tohu, das wir in der Antarktis beobachteten, war die massenhafte Ankunft der Weddellrobben vor der neuseeländischen Scott Base – mitten im Hochsommer.
Angeleitet von Wissensträger:innen des Maramataka erkundeten wir weitere lokale tohu mit Hautuu Waka, einem uralten Web- und Orientierungssystem (wayfinding) zur Navigation in einer sich verändernden Umwelt. Ursprünglich zur Navigation auf dem offenen Ozean entwickelt, wird wayfinding in diesem Zusammenhang zur Metapher für den Umgang mit den komplexen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.
Während des antarktischen Sommers geht die Sonne nicht unter. Aber wir dokumentierten den Mond, wenn er am Taghimmel zu sehen war, und beobachteten die Sonne, Wolken, Berge und verschiedene Formen von Schnee und Eis. Dazu gehörten Gletschereis auf dem Land, Meereis im Ozean und Schneeflocken am Himmel.
Auch wenn die tohu in der Antarktis sich stark von denen in Aotearoa (Neuseeland) unterschieden, stimmten die Energiephasen der Maramataka-Mondzyklen mit traditionellen Erzählungen (pūrākau) über Schnee und Eis überein.
Wir haben einige der 12 verschiedenen Formen von Schnee identifiziert, die von Ethnographen als „Nachkommen von Wind und Regen“ beschrieben wurden.
An der Scott Base beobachteten wir federartige Schneekristalle (hukapuhi) und schwebenden Schnee (hukarangaranga). Weiter im Landesinneren, auf dem hochgelegenen Polarplateau, fanden wir „unsichtbaren“ Schnee (hukakoropuku), der mit bloßem Auge nicht immer zu erkennen ist, aber auf der Haut spürbar wird, sowie staubfeinen Schnee (hukapunehunehu), vergleichbar mit Diamantenstaub. Letzteres Phänomen tritt auf, wenn die Lufttemperatur so niedrig ist, dass Wasserdampf direkt aus der Atmosphäre zu winzigen Eiskristallen kondensiert, die in der Luft glitzern wie Diamanten.
Im te ao Māori – der Māori-Weltanschauung (Anm. d. Ü.) – besitzt Schnee eine whakapapa (Genealogie), die ihn mit größeren Lebens- und Wissenssystemen verbindet. Schnee ist Teil eines Kontinuums, das bei Ranginui (dem Himmelsvater) beginnt und durch Tāwhirimātea, den atua (Gott) des Wetters, weitergeführt wird – jener Gott, der Form und Bewegung von Wolken, Wind, Regen und Schnee bestimmt. Jede Schneeart trägt ihren eigenen Namen, ihre eigenen Eigenschaften und ihr eigenes Verhalten – und spiegelt so ihren Weg durch Himmel und Erde wider.
Die Existenz spezifischer Begriffe (kupu) für verschiedene Formen von Schnee und Eis zeugt von Generationen sorgfältiger Beobachtung – weitergegeben durch whakapapa und mündliche Überlieferungen (kōrero tuku iho).
Die Verbindung von westlicher Wissenschaft und mātauranga Māori
Unsere ersten Beobachtungen von tohu in der Antarktis markieren den ersten Schritt, um das überlieferte Wissenssystem der mātauranga Māori mit moderner wissenschaftlicher Forschung zu verknüpfen.
Die Beobachtung von Schnee anhand traditioneller Praktiken eröffnete Einblicke in Prozesse, die sich mit westlichen wissenschaftlichen Methoden allein nicht vollständig erfassen lassen. Mātauranga Māori erkennt tohu durch eine enge, sinnliche Wahrnehmung und eine auf Beziehungen beruhende Verbundenheit mit der Landschaft.
Auf Grundlage unserer Feldbeobachtungen sowie des überlieferten und heutigen Wissens über Umweltkalender aus der mātauranga Māori und paläoklimatischer Daten wie Eisbohrkernen können wir beginnen, unterschiedliche Wissenssysteme in der Antarktis miteinander zu verbinden.
So wie der Maramataka über lange Zeiträume Umweltwissen speichert, tun dies auch antarktische Eisbohrkerne. Jede Schneeflocke trägt eine chemische Signatur ihrer Umwelt in sich, die sich Tag für Tag zu einem Archiv der Vergangenheit aufbaut. Durch die Analyse der chemischen Zusammensetzung des antarktischen Eises gewinnen wir indirekte Informationen über Umwelt- und Jahreszyklen – etwa zu Temperatur, Wind, Meereis und marinem Phytoplankton.
Der Hochsommer lässt sich in Eisbohrkernen anhand eines Spitzenwerts chemischer Signale von marinem Phytoplankton erkennen – jenem Plankton, das in der Ross-See blüht, wenn das Meereis schmilzt, die Temperaturen steigen und Licht sowie Nährstoffe verfügbar sind. Dieses biogene Aerosol ist ein sommerliches tohu und gilt im Maramataka als wichtiger Umweltzeitmarker für den Beginn der Fortpflanzungssaison und den Anstieg biologischer Aktivität.
Das Wissen um den Maramataka hat sich über Jahrtausende entwickelt. Dieses Konzept auf die Antarktis zu übertragen eröffnet die Möglichkeit, mithilfe Māori-basierter Methoden und Denkweisen neue Einsichten über den Kontinent und den Ozean zu gewinnen. Verankert in der te ao Māori-Vorstellung, dass alles miteinander verbunden ist, lädt dieser Ansatz dazu ein, die Polarregion nicht als abgelegenen Ort, sondern als lebendiges System aus verflochtenen tohu, Rhythmen und Beziehungen zu begreifen.
Holly Winton, Senior Research Fellow in Klimatologie, Te Herenga Waka – Victoria University of Wellington
Ayla Hoeta, Dozentin für Design, University of Auckland, Waipapa Taumata Rau
Dieser Artikel ist eine Neuveröffentlichung von The Conversation unter einer Creative Commons Lizenz. Lesen Sie den Originalartikel.