Können wir die Initiative zurückgewinnen in einer Welt, die den Klimaschutz abgeschrieben hat?

von Dr. Irene Quaile-Kersken
07/26/2025

Angesichts der eskalierenden und spürbaren Auswirkungen des Klimawandels droht eine gefährliche Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem politischen und öffentlichen Handlungswillen, die das Zeitfenster für sinnvolle Maßnahmen zu schließen droht.

Unterwegs im Schnee. Foto: I.Quaile

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich über das Wetter beschweren. Ich liebe einen sonnigen Nachmittag, geniesse auch einen stürmischen Regentag, freue mich riesig über einen Marsch durch den Schnee – aber alles zur rechten Zeit und am rechten Ort. Ich bin in Schottland groß geworden, wo wechselhaftes Wetter zum Leben gehörte. Als Journalistin habe ich die kältesten – und einige der heißesten – Regionen der Welt besucht, vom Eis der Arktis bis zu den Wüsten Afrikas und Australiens. Wir haben unsere Erwartungen an das Klima in unterschiedlichen Orten und stellen uns darauf ein. Aber wie so viele Europäer in diesem Sommer, staunte ich, als die Temperatur in meinem Heimatort in Deutschland die 40°C-Marke erreichte. Das war noch nie geschehen – und auch noch früh im Sommer.

Das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus bestätigte, das der Juni 2025 in Westeuropa der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen war. Die Durchschnittstemperatur betrug 20.49°C. Zwei große Hitzewellen erzeugten “sehr starken” bis hin zu “extremen” Hitzestress in vielen Teilen von West- und Südeuropa. Spanien zum Beispiel erlebte den wärmsten Juni seit 64 Jahren. Und sogar Nordeuropa schmolz unter einer Hitzehaube regelrecht dahin.

Gletscher in Nord-Nordwegen bei 30°C. Foto: mit freundliche Genehmigung von D. Hübbel

Der “gute alte britische Sommer”?

Selbst mein Geburtsland Großbritannien, weit und breit für sein kühles, feuchtes, stürmisches Wetter bekannt, litt unter einer Serie von extremen Hitzewellen. England erlebte die höchsten Junitemperaturen seit Anfang der Aufzeichnung 1884. In Schottland kam es mehrfach zu Waldbränden.

Is the UK hot right now?YES – it's hot!Live temperature updates hour by hour, every day.istheukhotrightnow.com

Ed Hawkins (@edhawkins.org) 2025-06-19T14:00:50.224Z

Europe’s seas — especially the North Atlantic and Mediterranean — are in the midst of unprecedented warming this year.🌊 Sea surface temps around and south of Italy are running up to 3°C above average — extreme ocean warmth made as much as 200x to 400x more likely by human-caused climate change.

Climate Central (@climatecentral.org) 2025-07-11T13:45:31.225Z

“Das hat es aber immer schon gegeben. 1974 gab es einen heißen Sommer…”? Nein. Der kürzlich veröffentlichte Bericht über den Zustand des Klimas im Vereinigten Königreich bestätigt, das es sich hier nicht um eine einfache natürliche Variation handelt. Es gibt schon einen großen Unterschied zum Klima vor einigen Jahrzehnten, so der Bericht. Rekorde würden häufig gebrochen, Temperatur und Niederschläge erreichten häufig Extremwerte, so Leitautor Mike Kendon vom britischen Met Office.
Jedes Jahr gehen die Temperaturen weiter nach oben.

Der Bericht basiere auf soliden, wissenschaftlichen Beobachtungen, erklärt Professor Liz Bentley, Leiterin der Royal Meteorological Society. Und diese dokumentierten Temperaturveränderungen, extreme Niederschläge, Veränderungen des Meeresspiegels, die bereits heute Leben, Infrastruktur und Ökosysteme im ganzen Land veränderten.

Die langfristigen Durchschnittswerte veränderten sich. Es seien aber die Extreme, die die unmittelbarsten und dramatischen Auswirkungen auf Mensch und Natur hätten, so Bentley weiter.

Und das passiert überall in der Welt.

Over 170 people, including dozens of children, have died in heavy monsoon rainfall and flooding in Pakistan in recent days. Authorities say they can't rule out the repeat of 2022 like floods. www.independent.co.uk/climate-chan…

Stuti Mishra (@stuti.bsky.social) 2025-07-18T14:17:49.298Z

Eisige Regionen stark betroffen

Ein Blick auf die eisigen Regionen des Planeten zeigt, dass selbst die Bastionen der Kälte zunehmend unter der menschengemachten Erwärmung leiden. Die Polargebiete und Gletscher stehen unter einem enormen Druck. Eine Reihe von kürzlich veröffentlichen Studien sowie kontinuierliche Messungen und Beobachtungen belegen die besorgniserregenden Auswirkungen der globalen Erwärmung auf unsere Kryosphäre.

Am 23. Juni erreichte die Ausdehnung des Arktischen Meereises einen traurigen Negativrekord:

🚨 Monday ice update – #Arctic sea ice extent is currently the *lowest* on record (JAXA data)• about 350,000 km² below the 2010s mean• about 1,010,000 km² below the 2000s mean• about 1,590,000 km² below the 1990s mean• about 2,150,000 km² below the 1980s meanMore: zacklabe.com/arctic-sea-i…

Zack Labe (@zacklabe.com) 2025-06-23T21:36:39.113Z

Eine am 9. Juli in Nature Climate Change veröffentliche Studie zeigt, dass der Arktische Ozean durch den Zufluß wärmeren Wassers aus dem Atlantik sechsmal so schnell wie der globale Durchschnitt Sauerstoff verliert. Das gefährdet viele Lebewesen im Meer.

Die Arktis erwärmt sich fast viermal so schnell wie der globale Durchschnitt. Das erhöht die Gefahr durch Brände. Gerade Torfbrände setzen riesige Mengen an CO2 frei, die Jahrhunderte bis Jahrtausende im Boden gespeichert waren.

Rauch von Waldbränden in Canada führt dazu, dass “Black Carbon” in Form von Russ die weissen Eisschichten der Arktis teilweise verdunkelt. Das hat nach den neuesten Forschungsergebnissen einen stärkeren Erwärmungseffekt als vorher angenommen:

Canadian wildfire smoke travels thousands of miles, and the black carbon it leaves on Arctic ice sheets may have more of a warming effect than thought

Bloomberg News (@bloomberg.com) 2025-07-07T23:00:47.636Z

Eine am 7. Juli in Nature veröffentliche Studie zeigt, dass die Erwärmung der Arktis zu einem stärkeren Vorkommen und einer höheren Konzentration von toxischen Algen in den Meeren führt. Durch das schwindende Meereis, weitere offene Meeresflächen und die Zunahme an Sonnenlicht, das in tiefere Meeresschichten eindringt, wachsen giftige Algen, die beispielsweise von Grönlandwalen aufgenommen werden.

Änderungen in der Antarktis verändern die Welt

Seit 2015 hat die Antarktis eine Fläche an Meereis in der Grösse Grönlands verloren. Einige Experten bezeichnen dies als “die größte globale Umweltveränderung des letzten Jahrzehnts.”

Das internationale Forscherteam warnte im Juni vor einem möglicherweise nicht mehr aufzuhaltenden Rückgang des Meereises der Antarktis. Grund sei die unerwartete Entdeckung durch Satelliten, dass das Wasser dort salziger wird. Das salzigere Wasser an der Oberfläche ziehe mehr Wärme aus dem tieferen Ozean nach oben, was die Entstehung von Meereis schwieriger mache, so die Experten.

Dies stelle ein Problem für den ganzen Planeten dar. Das Meereis spiegelt Sonnenlicht zurück in den Weltraum. Ohne Meereis bleibt mehr Energie im Erdsystem. Dies beschleunige die globale Erwärmung und führe zu stärkeren Stürmen und einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels, was Küstenstädte in der ganzen Welt bedrohe, so die Experten.

Forschungsergebnisse, die am 8.Juli in Science Daily veröffentlicht wurden, legen nahe, dass unter dem Eis schlummernde Vulkane durch das Abschmelzen der Gletscher wieder zum Leben erweckt werden. Diese unerwartete Bedrohung könnte nicht nur regional gefährlich werden, sondern den globalen Klimawandel durch tückische Rückkopplungseffekte weiter beschleunigen.

1,5°C – zu viel und doch bereits in Sicht

Das vor zehn Jahren im Pariser Abkommen vereinbarte Ziel, die Erwärmung auf maximal 1.5°C zu begrenzen, könnte nach einer Studie führender Eiswissenschaftler für die Eisschichten der Welt noch zu hoch sein. Die Forscher um Professor Chris Stokes von der britischen University of Durham plädieren dafür, den Temperaturanstieg eher um 1°C zu halten, um bedeutende Verluste des Polareises und einer weiteren Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs zu verhindern

Leider warnen mehr als 60 führende Klimawissenschaftler in ihrer neuesten Analyse des Zustands der globalen Erwärmung, dass die symbolische Obergrenze von 1,5°C bereits in drei Jahren erreicht werden könnte.

⚠️Global warming caused by humans is advancing at 0.27°C per decade – the highest rate since records began.This is one of the indicators updated every year by over 60 international scientists in the annual Indicators of Global Climate Change report – published today. doi.org/10.5194/essd… /1

Joeri Rogelj (@joerirogelj.bsky.social) 2025-06-19T08:21:55.024Z

Das Zeitfenster verkürze sich rapide, so Mitautor Professor Joeri Rogelj vom britischen Grantham Institute. Milliarden von Menschen rund um den Globus würden bereits die Auswirkungen spüren. Jeder kleine Temperaturanstieg führe zu häufigeren und stärkeren Wetterextremen. Der Treibhausgasausstoß in den nächsten Jahren werde darüber entscheiden, wie schnell die 1.5°C erreicht werden. “Die Emissionen müssen rasch reduziert werden, um die Klimaziele des Pariser Abkommens einzuhalten”, so Rogelj.

Diskrepanz zwischen Risiko und Handeln

Also worauf warten wir? Die Wissenschaft sowie die Nachrichten über Wetterextreme und Katastrophen rund um die Welt lassen keine Zweifel aufkommen. Der Klimawandel verändert unsere Lebensgrundlagen und unseren Alltag bereits heute. Gleichzeitig scheint die Bereitschaft, dagegen anzugehen, abzunehmen. Das gilt sowohl für Individuen als auch für die Politik. Es klafft eine riesige Lücke zwischen der Bedrohung durch den Klimawandel und dem Handeln als Reaktion.

Newspaper coverage of climate change around the globe dropped 6% from May to June 2025 — and by 28% compared to June 2024, despite increasing frequency and severity of climate-fueled extreme weather events. Read more from the @media-climate.bsky.social here: mecco.colorado.edu/summaries/is…

Katharine Hayhoe (@katharinehayhoe.com) 2025-07-08T22:51:04.095Z

Die Zeitungsberichterstattung über den Klimawandel rund um den Globus verringerte sich um sechs Prozent zwischen Mai und Juni 2025 – und um 28 Prozent im Vergleich mit Juni 2024, trotz der Zunahme an Häufigkeit und Intensität von klimabedingten Extremwetterereignissen.

Eine Studie, die Daten aus unterschiedlichen Weltregionen nutzt, kommt zu dem Schluß, dass das Erleben von Wetterextremen alleine nicht ausreicht, um Meinungen über die Notwendigkeit von Klimaschutz zu beeinflussen. Es werden oft keine Verbindungen zwischen dem Klimawandel – und der Rolle unseres Konsumverhaltens, allem voran unserer CO2-Emissionen – und Naturkatastrophen aufgezeigt. Viele Berichte erwähnen den Klimawandel überhaupt nicht. Dabei könnte die öffentliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen wachsen, wenn diese Verbindungen klarer dargestellt würden. Die Autoren des Berichts fordern klare, nachvollziehbare Information mit Handelsoptionen, um eine Klimakatastrophe für Menschen und Natur in den nächsten 20 Jahren zu verhindern.

Stattdessen scheint es eine breit angelegte und extrem einflußreiche Kampagne zu geben, die die Klimakrise herunterspielt. Nach einer im Juli veröffentlichten Studie verbreiten machtvolle , wirtschaftliche und politische Interessen irreführende Informationen, um die Öffentlichkeit von effektiven Klimaschutzmaßnahmen abzuhalten. Die Autoren nennen fossile Energiekonzerne, populistische politische Parteien und einige Staaten.

In den USA versucht die Trump-Regierung die Uhr zurückzudrehen. Die Ära von Öl, Kohle und Gas wird verlängert, Jahrzehnte an Wissenschaft und Erfahrung werden zunichte gemacht, die Klimaexpertise findet kein Gehör mehr und die Datensammlung wird abgeschafft.

The monitoring station on Mauna Loa provides the longest direct measurements of CO2 in the atmosphere.Trump wants to shut it down, which is like taking the batteries out of your screaming smoke alarm and pretending the house isn't on fire. #climatechange

Peter Gleick (@petergleick.bsky.social) 2025-07-21T05:01:13.589Z

Der Fall Deutschland

Hier in Deutschland kam das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand, als die Temperatur 39°C erreichte. Kürzlich wurde an die Flutkatastrophe vor vier Jahren erinnert, bei der 135 Menschen ums Leben kamen. Dieses reiche, hoch entwickelte Land war schockiert, dass es das nicht verhindern konnte.
Trotzdem scheint die Bereitschaft gering, zuzugeben, dass wir Menschen etwas damit zu tun hatten, und dass wir handeln können und müssen, um weitere Katastrophen zu verhindern. Die Sorge um Wohlstand und Lebensverhältnisse hier und jetzt haben Vorrang.

Bei den letzten Bundestagswahlen wurde die Grüne Partei, die Klimaschutz und die Energiewende vorantrieb, abgestraft. Ein rechtes Narrativ gewann die Oberhand. Der Klimawandel wurde klein geredet, grüne Initiativen als teure Maßnahmen für eine wohlhabende Elite bezeichnet. Die Tatsache, dass billiges Benzin oder eine günstige Gasheizung heute uns allen längerfristig viel teuerer zu stehen kommen wird, ging im Populismus unter.

Es scheint einfacher zu sein, Scheuklappen aufzusetzen und auf “weiter so” zu setzen, als die Zukunft aktiv zu gestalten.

Das Klima-Pendel schlägt weit aus in Richtung fossile Wirtschaft und steigende Emissionen. Wie lange dauert es, bis es in die andere Richtung, auf eine CO2-arme Welt ausschlägt? Und was wird auf unserem Planeten geschehen sein, bis es so weit ist?

Verständlicherweise richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf Anpassungsmaßnahmen. Natürlich müsssen wir resilienter werden und uns auf weitere Verschlechterungen vorbereiten. Das darf aber nicht von der Notwendigkeit ablenken, die Emissionen zu reduzieren und viele Lebensgewohnheiten zu überdenken, um extremere klimatische Bedingungen bereits in der nahen Zukunft zu vermeiden.

Während ich diesen Artikel schreibe, kämpfen die Menschen im Iran ums Überleben bei Temperaturen über 50°C und akutem Wassermangel. Die Hälfte der Bevölkerung des Kleininselstaats Tuvalu hat Visa für eine Umsiedlung nach Australien beantragt, während ihre Inselheimat langsam in den Wellen versinkt.

Als Umwelt- und Klimajournalistin sehe ich mich immer unter Druck, ein “positives Narrativ”, eine optimistische Erzählweise zu finden. Aber 10 Jahre nach der Unterzeichnung des Pariser Abkommens, bewegt sich die Welt wieder rückwärts. Die Emissionen steigen weiter. Und ich muss gestehen, das mir das sehr schwerfällt.

Dr. Irene Quaile-Kersken

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