Mit dem Abschmelzen des Eises entsteht im hohen Norden eine neue geopolitische Realität. Der lang gehegte Traum von der Arktis als Zone besonderen Friedens ist zerbrochen und wurde durch ein angespanntes Umfeld strategischer Konkurrenz ersetzt. Die europäischen Nationen reagieren darauf mit raschen Kurswechseln, verstärken ihre militärische Präsenz und schmieden neue Allianzen, indem sie alles daran setzen, eine Region zu sichern, die für die globale Stabilität und ihre eigene Zukunft von entscheidender Bedeutung ist.
Die lang gehegte Vorstellung von der Arktis als einzigartiger Zone des Friedens ist zu Ende gegangen und wurde durch eine neue Ära strategischer Konkurrenz ersetzt. Dieser Wandel wird durch drei wichtige Faktoren vorangetrieben: Russlands groß angelegte Invasion in der Ukraine und der damit verbundene Rückgang des Einflusses des Arktischen Rates, die wachsenden Ambitionen Chinas, das sich selbst zum „Arktis-nahen Staat“ erklärt und die Initiative „Polare Seidenstraße“ ins Leben gerufen hat, sowie der beschleunigte Klimawandel, der neue Seewege und Zugang zu Ressourcen eröffnet und damit die wirtschaftliche und militärische Rivalität anheizt.
Angesichts dieser veränderten Lage wird in ganz Europa eine entschlossene und koordinierte Reaktion vorbereitet. Die Staaten handeln übergreifend, um sich an das neue Sicherheitskonzept anzupassen. Ein deutliches Zeichen für diesen Wandel ist, dass nach dem historischen Beitritt Finnlands und Schwedens nun sieben der acht Arktisstaaten Mitglieder der NATO sind, was die Sicherheitsarchitektur im hohen Norden grundlegend verändert.
Ein kontinentweite Wende in Richtung Arktis
Die arktischen Anrainerstaaten sind dabei führend. Im Westen vertieft Island, ein wichtiger Knotenpunkt für die transatlantische Sicherheit, seine formellen Beziehungen. Reykjavik verhandelt derzeit mit der Europäischen Union über ein Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaftsabkommen, das das Land enger in das europäische Sicherheitsgefüge einbinden soll, mit Schwerpunkt auf dem Schutz kritischer Unterwasserinfrastrukturen und der Stärkung der Cyberabwehr. Dänemark, zu dem auch die riesigen arktischen Gebiete Grönlands gehören, hat seine Absichten mit einer wegweisenden Investition in Höhe von 2 Milliarden US-Dollar zur Verbesserung der militärischen Überwachung deutlich gemacht. Ein wichtiger Teil davon ist die kürzlich getroffene Vereinbarung über den Kauf von vier Langstrecken-Drohnen vom Typ MQ-9B SkyGuardian, die eine entscheidende Rolle bei der Überwachung der riesigen nördlichen Gebiete und der Stärkung der Sicherheit Dänemarks und ganz Europas spielen werden. Dieser Schritt erfolgte, nachdem Dänemark im Mai 2025 den Vorsitz im Arktischen Rat übernommen hatte und damit in einer kritischen Phase in den Mittelpunkt der regionalen Zusammenarbeit rückte.
Die strategische Neubewertung geht weit über den Polarkreis hinaus und schafft neue, starke bilaterale Partnerschaften. Deutschland und Norwegen haben sich beispielsweise zu einer neuen strategischen Ausrichtung verpflichtet. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten die beiden NATO-Verbündeten Pläne für eine integrierte operative Partnerschaft im Nordatlantik und in der Nordsee an, die auch einen verstärkten Schutz kritischer Unterwasserinfrastrukturen umfasst. Ihre Zusammenarbeit bei neuen U-Booten und Raketen vertieft die industriellen Beziehungen und die militärische Einsatzfähigkeit und schafft damit einen neuen Präzedenzfall. Dieser Schritt wird von anderen europäischen Großmächten wie Frankreich begleitet, das seine eigene ehrgeizige Arktis-Verteidigungsstrategie bis 2030 vorgestellt hat. Paris will seine Handlungsfreiheit gewährleisten und seine nationalen Interessen schützen, indem es seine Rolle in multinationalen Manövern ausbaut, moderne Satellitenüberwachung einsetzt und die bilateralen Beziehungen zu wichtigen Arktis-Anrainerstaaten vertieft.
Der Umgang mit dem amerikanischen Faktor
Die Vereinigten Staaten sind zwar nach wie vor die stärkste Militärmacht innerhalb der NATO, doch ihre Rolle als verlässlicher Sicherheitspartner für die Arktis wird zunehmend in Frage gestellt. Eine Reihe politischer und materieller Herausforderungen scheint die europäischen Verbündeten dazu veranlasst zu haben, ihre Abhängigkeit von Washington zu überdenken.
Politisch sind die transatlantischen Beziehungen durch tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten belastet. Die wiederholten Drohungen von Präsident Donald Trump, die USA aus der NATO zurückzuziehen oder Verbündete, die er als „zahlungsunfähig“ betrachtet, nicht zu verteidigen, haben das Prinzip der kollektiven Sicherheit grundlegend untergraben. Hinzu kommt ein anhaltender und kontroverser Streit mit Dänemark um Grönland. Trumps Vorschlag, die Insel zu kaufen, und seine anschließende Weigerung, den Einsatz von Gewalt auszuschließen, um sie unter US-Kontrolle zu bringen, haben in Kopenhagen und in ganz Europa erhebliche Besorgnis ausgelöst. Diese Maßnahmen, verbunden mit einer zeitweise widersprüchlichen und unvorhersehbaren Politik der USA gegenüber Russland und dem Krieg in der Ukraine, haben den Eindruck der Unzuverlässigkeit verstärkt.
In materieller Hinsicht weist die USA im hohen Norden erhebliche und gut dokumentierte Kapazitätslücken auf, insbesondere bei ihrer Eisbrecherflotte. Die US-Küstenwache verfügt nur über zwei einsatzfähige Eisbrecher: den mittelgroßen Eisbrecher USCGC Healy und den schweren Eisbrecher USCGC Polar Star. Damit besteht im Vergleich zur russischen Flotte mit mehr als 50 Eisbrechern eine erhebliche Lücke in der Präsenz in der Arktis. Um dies zu kompensieren, haben die USA ein Handelsschiff als provisorischen Eisbrecher gekauft (die USCGC Storis), das ab 2026 Patrouillen übernehmen soll. Das Flaggschiffprogramm zum Bau neuer schwerer Eisbrecher für polare Einsätze liegt jedoch Jahre hinter dem Zeitplan und Milliarden über dem Budget, sodass das erste neue Schiff frühestens 2028 erwartet wird.
Diese Kombination aus politischer Instabilität und einem kritischen Mangel an arktisspezifischen Ressourcen hat die europäischen Staaten zu einer pragmatischen Schlussfolgerung geführt: Die transatlantische Allianz ist zwar nach wie vor unverzichtbar, doch ist ein höheres Maß an strategischer Autonomie Europas erforderlich, um die Sicherheitsinteressen im hohen Norden zu wahren.