Geradezu ein „Fetisch-Tier“ für Wissenschaftler, ein Star auf Arktis-Kreuzfahrten und weltweites Klima-Ikon – der Eisbär geht weit über seine Rolle als Symbolart hinaus. Von der Mythologie der Inuit bis zu Entdeckergeschichten, von traditioneller Skulptur bis zur modernen Werbung hat der Eisbär sein Gesicht stets gewandelt. Ob als Monster, Geist, treuer Begleiter oder ökologisches Symbol – Nanooq erzählt ebenso viel über die Geschichte der Arktis wie über unsere eigene Vorstellungskraft.
Es ist kaum möglich, von der Arktis zu sprechen, ohne dabei an die schwarze Schnauze und die imposante Silhouette zu denken, die ihre weiße Gestalt über das Eis trägt. Der Eisbär ist nicht nur ein wahrer Star der arktischen Forschung (ein großer Anteil wissenschaftlicher Publikationen befasst sich mit ihm), sondern auch das Wappentier der Region – während Polarfüchse, Walrosse und Rentiere eher Nebenrollen einnehmen. Jahr für Jahr lockt der Großbär zudem Scharen von Touristen an, die Kreuzfahrten unternehmen, um ihn – neben vielem anderen – in seiner natürlichen Umgebung zu bewundern und zu beobachten.
Doch nicht nur in Wissenschaft und Tourismus glänzt der Eisbär. Seine arktische Majestät beansprucht auch in der Kultur einen Löwenanteil. Von der Inuit-Kunst bis zu Darstellungen der Polarforschung ist der Eisbär zu einer zentralen kulturellen Figur geworden. Und mit der globalen Erwärmung und ihren Folgen für die Polarregionen ist der König der Arktis zum Symbol einer bedrohten Welt avanciert. Als kulturelles Motiv gehört Nanooq ebenso zu unserer westlichen Vorstellungskraft wie zur Kultur der Inuit.
Ein Bär nach den Regeln der Kunst
Doch fangen wir von vorne an. In der grönländischen Mythologie kann der Eisbär die Gestalt von Allaq annehmen, einem Wesen halb Frau, halb Bär; von Immap Nanua, dem riesigen Bären, der mit einem Atemzug umiaq (traditionelle Inuit-Boote) und Eisberge einsaugen kann. Es gibt auch Nappaasilat, den blau behaarten Geisterbären, der angehende Schamanen leitet, und Sermilissuaq, einen von Eis überzogenen Riesenbären, der Menschen verschlingt.
Mal wohlwollend, mal gefährlich – das Tier nimmt in der Kosmologie und im Glauben indigener Völker unterschiedliche Rollen ein. Diese Dualität spiegelt ein komplexes Verhältnis zu einem Wesen wider, das zugleich Beute und Jäger ist, fremd und doch ähnlich.
Dieses Geflecht aus Furcht und Respekt spiegelt sich in der Kunst der Inuit wider. Zunächst in kleinen Objekten, die Jagdszenen darstellen. Später, in größeren Werken, rückt der Eisbär ins Zentrum einer Komposition, in der Menschen – oft Schamanen – mit ihm verschmelzen und sich so symbolisch seine Eigenschaften und Kräfte aneignen. Denn die Beziehung zwischen den arktischen Indigenen und dem Eisbären ist komplex: Er ist zugleich Gegenstand der Bewunderung, ja sogar Verehrung und Anbetung (wie etwa bei den Ainu auf der Insel Sachalin), aber auch Beute und Jäger. Für die indigenen Gemeinschaften liefert der Eisbär Fleisch, Knochen, Urin und Fell. Schon auf Alltagsgegenständen der nomadischen Bevölkerung präsent, wird er sicherlich zu einem künstlerischen Motiv werden.
Die Inuit-Kunst hat sich zu einem vielbeachteten Ausdrucksmedium entwickelt und wird heute auch in westlichen Kunstgalerien ausgestellt. Die Künstler arbeiten mit Walknochen, Elfenbein, Treibholz und Stein (Serpentin, Speckstein, Basalt). Neben Skulpturen und Gravuren schufen sie auch Drucke, in denen sie sich sensibel, ausdrucksstark und berührend ausdrückten. Die Themen reichen vom arktischen Bestiarium und schamanischen Ritualen bis hin zu Szenen des Alltags. Unter diesen Motiven taucht eines besonders häufig auf: der tanzende Eisbär.
Eine Zeit der Angst und der Eroberung
Diese Skulpturen mit ihren vollen, runden Linien überraschen den westlichen Betrachter oft. Wir wissen, dass die Arktis eine raue, feindliche Umgebung ist – Heimat eines der gefürchtetsten Raubtiere der Welt. Doch hier begegnen wir dem gefährlichen Säugetier in eleganten und amüsanten Posen. Ganz in seinen Tanz vertieft, wirkt der Eisbär rührend menschlich. Und wenn er in Stein gemeißelt ist, verleiht das polierte, abgerundete Material ihm eine beinahe mütterliche Sanftheit und Wärme.
Ein starker Kontrast zu dem Bild des Eisbären, das europäische Entdecker vermittelten. Schon in den frühesten Berichten erschien das Tier als wildes, monströses Wesen, das die Albträume eines Westens heimsuchte, der die Arktis erobern wollte. Diese furchteinflößende Darstellung diente zugleich dazu, den Mut der Polarforscher hervorzuheben, die sich einer noch extremeren Gefahr als Kälte und Einsamkeit stellten. Gegen eine derartige Feindseligkeit schien jede Niederlage unausweichlich – umgekehrt erschien jeder Sieg umso größer.
Ein vertrautes Symbol für eine ferne Welt
Dann endete das Zeitalter heroischer Entdeckungen – und die Zeit der Wissenschaft begann. Der Blick veränderte sich. Das Tier wurde zum Forschungsobjekt und entwickelte sich nach und nach zu einem universellen Symbol. Im 20. Jahrhundert nahm der Eisbär zunehmend eine sympathischere Gestalt an, wurde populär und in Werbung sowie Massenkultur neu erfunden. Von Coca-Cola-Spots bis zur arktischen Variante des Teddybären verwandelte sich Nanooqin ein rundes, hüpfendes Kuscheltier – beschützend, lustig und fast kindlich. Der Teddy unserer Kindheit erschien nun in Weiß. Weich und harmlos, wurde er zum Begleiter, an den man sich klammert und den man Kindern als tröstliche Figur anvertraut.
Nach dem monströsen Ungeheuer (Allegorie der arktischen Natur) wird der Eisbär sympathisch und lustig dargestellt. Indem man ihn wie einen großen Hund erscheinen lässt, rückt er uns näher. Wir vermenschlichen ihn und machen ihn zugleich verletzlicher – fast so, als könnten wir darüber vergessen, dass er dennoch ein Raubtier ist, das durchaus einen Menschen töten kann.
Dieser Wandel spiegelt eine besondere Nähe zum Menschen wider und begünstigt den Anthropomorphismus – bevor der Eisbär unfreiwillig zum Botschafter der Arktis wurde, jenes fernen Landes, das vom Klimawandel besonders hart getroffen ist. Mal wird seine gewaltige weiße Gestalt fotografisch festgehalten, wie sie auf einer treibenden Scholle balanciert, mal zeigt er sich als abgemagertes Tier, das sich mühsam an Land schleppt. Heute steht er für eine Welt in Gefahr.
Von der heiligen Gestalt zum ökologischen Symbol verkörpert der Eisbär in Wahrheit etwas zutiefst Menschliches. Seine Silhouette gehört nicht allein ins Eis des hohen Nordens – sie hat sich auch in unsere Ängste, unsere Vorstellungen und unsere Mythen eingeschlichen. So ist Nanooq zugleich eine vertraute Figur wie auch ein wandelndes Spiegelbild unseres eigenen Blicks auf die Arktis.
Der Eisbär ist eine universelle Sprache – fähig, Angst, Zärtlichkeit oder Dringlichkeit auszudrücken. In ihm spiegeln wir unser eigenes Verhältnis zur Natur wider, zwischen Faszination und Sorge. Und wenn seine Zukunft bedroht scheint, dann vielleicht auch deshalb, weil mit dem Eis ein Stück unserer Vorstellungskraft verschwinden würde.