Ein ausgewachsener männlicher Eisbär kann innerhalb weniger Tage bis zu 60 Kilogramm an Gewicht verlieren oder zulegen, eine Masse, die dem Körpergewicht eines durchschnittlichen erwachsenen Menschen entspricht. Was auf den ersten Blick nach Stress, Nahrungsmangel oder gesundheitlichen Problemen klingt, ist nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Teil eines ausgeprägt dynamischen Energiehaushalts. Kurzfristige Gewichtsschwankungen sind demnach kein Ausnahmezustand, sondern ein normaler Bestandteil der physiologischen Anpassungsfähigkeit von Eisbären.
Diese Ergebnisse stammen aus einer im Fachjournal Arctic Science veröffentlichten Studie von Anthony M. Pagano, Stephen N. Atkinson und Louise C. Archer. Die Arbeit ist die erste, die systematisch untersucht, wie stark Gewicht und Energiebilanz frei lebender Eisbären innerhalb weniger Tage schwanken können. Grundlage der Analyse waren GPS-Tracking, Bewegungssensoren sowie wiederholte Messungen der Körpermasse bei wild lebenden Tieren. Dadurch liess sich detailliert nachvollziehen, wie eng kurzfristige energetische Gewinne und Verluste mit Verhalten, Aktivitätsniveau, Alter und Lebensphase verknüpft sind.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass einzelne Tiere innerhalb weniger Tage Gewichtsschwankungen von bis zu 10-12 Prozent ihrer gesamten Körpermasse aufwiesen. Solch rasche Veränderungen wurden bislang kaum dokumentiert und erweitern das Verständnis dessen, was bei Eisbären als normaler physiologischer Zustand gilt. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass es sich dabei nicht um Messungenauigkeiten handelt, sondern um reale energetische Prozesse, bei denen grosse Mengen an Energie aufgenommen oder verbraucht werden.
(Bild: Steffen Graupner)
Vor dem Hintergrund des schwindenden arktischen Meereises, das als eine der grössten Bedrohungen für Eisbären gilt, liefern die Ergebnisse ein differenzierteres Bild. Weniger Eis bedeutet langfristig weniger Jagdmöglichkeiten, doch der Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und Körperzustand ist komplexer als häufig angenommen. Die Studie zeigt, dass kurzfristige Veränderungen, also Prozesse, die sich innerhalb von Tagen oder Wochen abspielen, eine zentrale Rolle spielen und nicht automatisch auf eine Verschlechterung der Lebensbedingungen hindeuten.
Besonders deutlich wird dies im Frühjahr, wenn sich zwei energieintensive Phasen überlagern:
die Paarungszeit und der Aufbau von Energiereserven. Während der Fortpflanzungsperiode investieren viele Eisbären viel Zeit und Energie in Partnersuche, Konkurrenzverhalten und Paarung. In dieser Phase wird häufig weniger gefressen, obwohl der Energiebedarf hoch ist. Die Folge können kurzfristige Gewichtsverluste sein, selbst in Perioden, die grundsätzlich gute Jagdbedingungen bieten. Gewichtsabnahmen sind daher nicht zwangsläufig ein Zeichen für Nahrungsmangel, sondern können Ausdruck natürlicher, evolutiv verankerter Verhaltensstrategien sein.
Die Studie macht zudem deutliche individuelle Unterschiede sichtbar. Ältere und erfahrenere Tiere konnten im Durchschnitt leichter an Masse zulegen, während besonders schwere Eisbären häufiger Gewicht verloren, vermutlich weil ihr absoluter Energiebedarf höher ist. Trotz teils erheblicher kurzfristiger Schwankungen blieb der durchschnittliche Körperzustand der untersuchten Tiere insgesamt stabil. Kurzfristige Verluste lassen sich also häufig wieder ausgleichen und sind nicht automatisch ein Indikator für einen schlechten langfristigen Gesundheitszustand.
Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse die bemerkenswerte kurzfristige Anpassungsfähigkeit von Eisbären. Innerhalb weniger Tage können sie erhebliche energetische Gewinne und Verluste kompensieren, sofern Jagderfolg, Timing und Umweltbedingungen dies zulassen. Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass diese Flexibilität klare Grenzen hat. Sie beschreibt den Umgang mit natürlichen, saisonalen Schwankungen, nicht jedoch die Reaktion auf dauerhaft verschlechterte Umweltbedingungen. Die Studie berücksichtigt ausserdem ausschließlich natürliche energetische Prozesse; zusätzliche Belastungen durch menschliche Aktivitäten wie Störungen, Habitatverlust oder veränderte Jagdbedingungen wurden nicht einbezogen, könnten die ohnehin fragile Balance jedoch weiter unter Druck setzen.
Die neuen Erkenntnisse zeichnen damit ein nuancierteres Bild vom Energiehaushalt der Eisbären: eine Art mit hoher kurzfristiger Flexibilität, deren langfristige Zukunft jedoch weiterhin eng an stabile Umweltbedingungen geknüpft bleibt. Wie gut Eisbären mit der fortschreitenden Erwärmung der Arktis und den tiefgreifenden Veränderungen ihres Lebensraums zurechtkommen, bleibt offen und wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Marcel Schütz PolarJournal

