Grönland unter tektonischer Spannung

von Heiner Kubny
02/12/2026

Das grönländische Inland ist fast vollständig von einem bis zu 3200 m mächtigen, durchschnittlich 1800 m starken Eisschild bedeckt. (Grafik: Wikipedia)

Der rapide Verlust von Eismassen verändert nicht nur Grönlands Kryosphäre, sondern greift zunehmend in die Geodynamik der Insel ein. Neue Analysen zeigen, dass sich Grönland infolge von Gletscherschmelze und plattentektonischer Bewegung messbar verform und dies nach geologischen Maßstäben in bemerkenswert kurzer Zeit.

Laut Forschern schmilzt der Eisschild jedes Jahr um fast 200 Kubikkilometer. Ein komplettes Abschmelzen könnte den Meeresspiegel um rund sieben Meter steigen lassen. (Foto: Heiner Kubny)

Seit Beginn der 1990er Jahre verliert Grönland im Mittel rund 175 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, mit deutlich beschleunigten Verlusten seit der Jahrtausendwende. Der damit verbundene Massenentzug führt zu einer Entlastung der kontinentalen Kruste, die sich infolge des isostatischen Ausgleichs langsam hebt. Parallel dazu bewegt sich die grönländische Lithosphäre durch großräumige plattentektonische Prozesse kontinuierlich nach Nordwesten.

Der grönländische Eisschild endet im Nordwesten meist im Meer. (Foto: Heiner Kubny)

Ein Forschungsteam um Danjal Longfors Berg von der Technischen Universität Dänemark hat diese kombinierten Effekte mithilfe eines dichten Netzes hochpräziser GPS-Stationen untersucht. Die Auswertung eines 20-jährigen Datensatzes zeigt eine durchschnittliche horizontale Verschiebung von mehr als zwei Zentimetern pro Jahr in nordwestliche Richtung, begleitet von einer anhaltenden vertikalen Hebung der Insel. Die gemessenen Deformationsmuster sind regional stark variabel.

Insbesondere im Südosten Grönlands fällt der isostatische Aufstieg überdurchschnittlich stark aus. Neben dem aktuellen Eisverlust spiegelt sich hier auch die geotektonische Vorgeschichte der Region wieder. In anderen Teilen der Insel dominieren hingegen Stauchungsprozesse, die lokal zu einer Verringerung der Landfläche führen. In der aktuellen Gesamtbilanz wird Grönland dadurch geringfügig schmaler.

Grönland wird von einem Eisschild dominiert und pflanzliches Leben konzentriert sich auf die eisfreien Küstenregionen. (Foto: Heiner Kubny)

Um diese Beobachtungen einzuordnen, kombinierten die Forschenden die GPS-Daten mit Rekonstruktionen der plattentektonischen Entwicklung der vergangenen 26.000 Jahre sowie mit numerischen Modellen der Krustenreaktion. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die derzeitige Verkleinerung ein temporäres Phänomen ist. Mit weiter fortschreitender Eisschmelze dürfte der isostatische Aufstieg langfristig überwiegen und zu einer erneuten Flächenzunahme führen.

Die Studie unterstreicht die enge Kopplung von Kryosphäre, Lithosphäre und Mantelprozessen in polaren Regionen. Für die Polar- und Geowissenschaften liefert sie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie schnell sich tektonische Systeme als Reaktion auf klimabedingte Massenverluste verändern können, mit Konsequenzen für Küstendynamik, Kartografie und langfristige geodynamische Modelle.

Heiner Kubny, PolarJournal