Camp Century wirkte wie ein Schauplatz aus einem Spionagefilm: eine Stadt unter dem Eis, verborgen in der Arktis. Doch hinter der spektakulären Fassade verbarg sich weit mehr als ein technisches Experiment. In den 1960er Jahren diente die Anlage nicht nur als Forschungsstation, sondern auch als geheimes Testfeld für ein militärisches Großprojekt der USA im Kalten Krieg. Heute rückt Camp Century erneut in den Fokus – wegen seines gefährlichen ökologischen Erbes.
Ein Bauprojekt im Grönlandeis
Camp Century wurde im Norden Grönlands errichtet, etwa 240 Kilometer von der Küste entfernt auf einem rund 2.000 Meter hohen Eisschild. Die Bedingungen dort waren extrem: Temperaturen von bis zu minus 56 Grad, starke Winde und völlige Isolation machten das Gebiet nahezu unbewohnbar.
Trotz dieser Bedingungen entstand ab 1959 eine unterirdische Stadt aus insgesamt 26 Tunneln. In ihr lebten und arbeiteten bis zu 200 Menschen, vor allem Soldaten und Ingenieure der US-Armee. Die Tunnel lagen etwa acht Meter unter der Eisoberfläche und wurden mit speziellen Schneefräsen in das Eis geschnitten.
Die Anlage verfügte über Schlafräume, Werkstätten, medizinische Einrichtungen und sogar Freizeitangebote wie eine Bibliothek und einen Friseur. Besonders bemerkenswert war der Einsatz des weltweit ersten mobilen Atomreaktors (PM-2A), der die Station mit Strom und Wärme versorgte.
Camp Century als Propaganda-Instrument
Nach außen wurde Camp Century als Symbol amerikanischer Innovationskraft dargestellt. Die US-Regierung präsentierte die Station als Beweis dafür, dass Menschen selbst unter extremen Bedingungen komfortabel leben können.
In Filmen und Berichten wurde das Leben in der Eisstadt bewusst positiv dargestellt: Soldaten spielten Tischtennis, aßen gut und führten ein scheinbar normales Leben. Die Botschaft war klar: Die USA sind technologisch überlegen und können selbst die unwirtlichsten Regionen erschließen.
Während des Kalten Krieges diente Camp Century auch als politisches Signal. Es sollte Stärke demonstrieren und zeigen, dass die USA auch in entlegenen Regionen strategisch handlungsfähig sind.
Das Projekt sah vor, ein rund 4.000 Kilometer langes Tunnelsystem zu errichten. Darin sollten etwa 600 mobile Atomraketen stationiert werden. Zusätzlich waren über 2.000 Abschussstellen geplant. Camp Century diente als Testanlage für dieses ambitionierte Vorhaben.
Das Scheitern des Projekts
Schon bald zeigte sich jedoch ein grundlegendes Problem: Das grönländische Inlandeis ist nicht stabil, sondern ständig in Bewegung. Die Tunnel verformten sich und wurden instabil.
Aufgrund dieser Schwierigkeiten wurde Camp Century bereits 1967 aufgegeben. Auch «Project Iceworm» wurde nie umgesetzt, da die technischen Herausforderungen zu groß waren.
Das giftige Erbe
Beim Verlassen der Station ließ das US-Militär große Mengen an Abfällen zurück, darunter Diesel, chemische Stoffe und radioaktive Materialien aus dem Atomreaktor.
Gefahr durch Klimawandel
Lange Zeit ging man davon aus, dass diese Stoffe dauerhaft im Eis eingeschlossen bleiben. Doch durch den Klimawandel schmilzt das grönländische Eis zunehmend. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Schadstoffe freigesetzt werden und die Umwelt belasten
Fazit
Camp Century war weit mehr als eine technische Kuriosität. Die Anlage vereinte Propaganda, militärische Geheimstrategien und wissenschaftlichen Fortschritt in einem Projekt. Während sie einst als Symbol menschlicher Ingenieurskunst gefeiert wurde, zeigt sich heute eine andere Seite: ein potenziell gefährliches Erbe, das durch den Klimawandel wieder ans Licht kommen könnte.
Damit steht Camp Century sinnbildlich für die Ambivalenz technologischer Großprojekte im Kalten Krieg, beeindruckend in ihrer Umsetzung, aber mit langfristigen Folgen, die erst Jahrzehnte später sichtbar werden.
Heiner Kubny, PolarJournal

