Während das arktische Meereis weiter abnimmt, verändert ein neuer Räuber die Ökosysteme in einer der entlegensten Regionen der Erde.
Orcas werden in der kanadischen Hocharktis immer häufiger beobachtet, wo dichtes Meereis ihren Zugang früher stark eingeschränkt hat. Eine Studie zeigt, dass der Rückgang des Eises ihre Ausbreitung nach Norden ermöglicht.
Ihr Auftreten hat sichtbare Folgen. Orcas jagen Narwale, Belugas und Grönlandwale, Arten, die sich in Lebensräumen mit vergleichsweise wenigen natürlichen Feinden entwickelt haben. Eine Studie zeigt, dass Narwale ihr Verhalten in Anwesenheit von Orcas verändern, Nahrungsgebiete verlassen und ihre Wanderungen anpassen, um Angriffen zu entgehen.
(Abbildung: Breed et al. 2017, PNAS)
Hinweise auf diesen zunehmenden Druck finden sich auch bei Grönlandwalen, von denen viele Narben aufweisen, die auf Begegnungen mit Orcas hindeuten. Forschende gehen davon aus, dass solche Interaktionen mit den veränderten Umweltbedingungen häufiger werden.
Die Ausbreitung der Orcas in die Arktis steht in engem Zusammenhang mit dem Klimawandel. Der Rückgang des Meereises eröffnet diesen hochmobilen Räubern nicht nur neue Zugangswege, sondern verlängert auch die Zeit, die sie in nördlichen Gewässern jagen können. Gleichzeitig birgt die veränderte Umwelt auch Risiken, da Orcas eingeschlossen werden können, wenn sich das Meereis rasch neu bildet.
Ein Großteil unseres Wissens über diese Veränderungen beruht auf einer Kombination aus wissenschaftlichen Studien und Inuit-Wissen.
Insgesamt weisen die Ergebnisse auf einen umfassenden Wandel im Arktischen Ozean hin. Mit dem Rückzug des Meereises verschieben sich ökologische Grenzen, wodurch neue Wechselwirkungen zwischen Arten entstehen, die marine Nahrungsnetze in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern könnten.
Léa Zinsli, PolarJournal

