Kälteangepasste Mikroben und ihr biotechnologisches Potenzial

von Léa Zinsli
05/11/2026

Kälteangepasste Mikroben produzieren Enzyme, die auch bei niedrigen Temperaturen funktionieren.
Vom Eis zur Anwendung: kälteangepasste Mikroben und ihr biotechnologisches Potenzial (Skizze: Léa Zinsli)

Aufbauend auf neuen Erkenntnissen darüber, wie Mikroben in der Kryosphäre überleben, könnten diese Organismen auch wertvolle Werkzeuge für Biotechnologie und Industrie liefern.

Viele Mikroorganismen in der Kryosphäre produzieren kälteangepasste Enzyme, also Proteine, die chemische Reaktionen in lebenden Zellen beschleunigen. Diese Moleküle können chemische Reaktionen auch bei niedrigen Temperaturen effizient katalysieren, bei denen die meisten Enzyme normalerweise langsamer arbeiten. Möglich wird dies durch ihre flexible Struktur, die es erlaubt, dass Reaktionen auch dann ablaufen, wenn die molekulare Bewegung eingeschränkt ist.

Diese Eigenschaft hat auch außerhalb der Polarforschung zunehmendes Interesse geweckt. In vielen industriellen Prozessen erfordern chemische Reaktionen hohe Temperaturen, was mit einem hohen Energieverbrauch verbunden ist. Kälteangepasste Enzyme bieten hier eine Alternative, da sie Reaktionen bei niedrigeren Temperaturen ermöglichen und so den Energiebedarf potenziell senken können.

Probennahme auf einem Gletscher (Foto: Léa Zinsli)

Eine bekannte Anwendung findet sich in Waschmitteln. Enzyme aus kälteangepassten Mikroben können Proteine und Fette bereits in kaltem Wasser abbauen und so effektives Waschen bei niedrigen Temperaturen ermöglichen. Ähnliche Ansätze werden auch in der Lebensmittelverarbeitung genutzt, wo niedrigere Temperaturen dazu beitragen können, Geschmack und Nährstoffe besser zu erhalten.

Auch für Umweltanwendungen werden kälteangepasste Mikroben zunehmend untersucht. In kalten Regionen können Schadstoffe wie Öl oder organische Abfälle lange bestehen bleiben, da natürliche Abbauprozesse nur langsam ablaufen. Enzyme, die an niedrige Temperaturen angepasst sind, könnten helfen, diese Stoffe effizienter abzubauen.

Darüber hinaus produzieren einige polare Mikroorganismen bioaktive Verbindungen mit potenziellen Anwendungen in der Pharmazie oder Industrie, darunter antimikrobielle Substanzen.

Mikrobielle Aktivität in Permafrostboden, sichtbar als Gasblasen und Biofilm (Foto: Léa Zinsli)

Trotz dieses Potenzials bestehen weiterhin Herausforderungen. Kälteangepasste Enzyme sind oft weniger stabil als ihre Gegenstücke aus wärmeren Umgebungen und können unter wechselnden Bedingungen schneller an Aktivität verlieren. Forschende arbeiten daher daran, diese Enzyme besser zu verstehen und für praktische Anwendungen gezielt anzupassen.

Mit dem wachsenden Interesse an energieeffizienten und nachhaltigen Technologien könnten die besonderen Anpassungen polarer Mikroben künftig weit über die kalten Lebensräume hinaus von Bedeutung sein, in denen sie entstanden sind.

Léa Zinsli, PolarJournal