Für viele Besucher Spitzbergens gehört das Rentier zu den ersten arktischen Tieren, denen sie begegnen. Oft sieht man die kompakten Tiere in der Nähe von Longyearbyen grasen oder gemächlich über die Tundra unterhalb der Gletscher ziehen. Sie wirken perfekt an das Leben in einer der abgelegensten Regionen der Erde angepasst.
Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass selbst das endemische Spitzbergen-Rentier der Reichweite industrieller Verschmutzung nicht entkommt.
Eine Studie unter der Leitung von Forschenden der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) und des University Centre in Svalbard (UNIS) sowie in Zusammenarbeit mit der Universität Aarhus und dem Norwegischen Institut für Naturforschung (NINA) zeigt, dass die Konzentrationen von PFAS – Per- und Polyfluoralkylsubstanzen – in Spitzbergen-Rentieren in den vergangenen rund zehn Jahren drastisch angestiegen sind.
PFAS sind eine große Gruppe künstlich hergestellter Chemikalien, die unter anderem in wasserdichter Kleidung, Lebensmittelverpackungen, Antihaftbeschichtungen, Kosmetika, industriellen Materialien und Löschschäumen eingesetzt werden. Da viele dieser Stoffe nur extrem langsam abgebaut werden, werden sie häufig als „Ewigkeitschemikalien“ oder „Forever Chemicals“ bezeichnet.
Die in der Fachzeitschrift Environmental Science & Technology veröffentlichte Studie untersuchte PFAS und Schwermetalle in Leber- und Muskelproben von Spitzbergen-Rentieren. Die durchschnittlichen PFAS-Konzentrationen in der Leber stiegen von etwa 0,6 Nanogramm pro Gramm Gewebe vor zehn Jahren auf heute 5,48 Nanogramm pro Gramm – ein Anstieg von mehr als 900 Prozent.
Die Ergebnisse überraschten selbst die Forschenden. Erstautorin Malin Andersson Stavridis beschrieb die Resultate als so unerwartet, dass sie zunächst dachte, sie könnten falsch sein.
Das Spitzbergen-Rentier kommt nirgendwo sonst auf der Welt vor. Über Jahrtausende von Festlandpopulationen isoliert, entwickelte es sich zu einer eigenständigen Unterart des Hocharktisraums. Im Gegensatz zu vielen anderen Rentier- und Karibu-Populationen legen Spitzbergen-Rentiere keine weiten Wanderungen zurück. Sie bewegen sich das ganze Jahr über innerhalb relativ kleiner Streifgebiete und gelten deshalb als wertvolle Indikatoren für Umweltveränderungen in den arktischen Landökosystemen.
Wie ungewöhnlich ist dieser Anstieg?
Ein früherer zirkumpolarer Vergleich von Leberproben von Karibus und Rentieren umfasste Tiere aus Kanada, Grönland, Schweden und Spitzbergen. Die Spitzbergen-Stichprobe war damals mit lediglich sieben Tieren sehr klein und sollte daher eher als orientierende Ausgangsbasis denn als präziser Langzeitmaßstab betrachtet werden.
Dennoch ist der Vergleich aufschlussreich. Damals erschienen die PFAS-Werte bei Spitzbergen-Rentieren im Vergleich zu einigen anderen arktischen Populationen relativ niedrig. Die höchsten Konzentrationen wurden bei Karibus aus Südwestgrönland festgestellt, wo PFAS-Belastungen ebenfalls mit lokalen Quellen wie Flughäfen und ehemaliger militärischer Infrastruktur in Verbindung gebracht wurden.
Vor diesem Hintergrund sind die neuen Ergebnisse bemerkenswert. Eine Population, die einst als vergleichsweise gering belastet galt, weist heute PFAS-Konzentrationen auf, die im Vergleich zu vielen zuvor untersuchten arktischen Rentier- und Karibu-Populationen hoch sind.
Die absoluten Konzentrationen liegen weiterhin unter bekannten Schwellenwerten, bei denen schädliche Auswirkungen auf Wildtiere erwartet werden. Die Studie deutet daher nicht auf eine unmittelbare Bedrohung für die Spitzbergen-Rentierpopulation hin. Im Umweltmonitoring können jedoch Geschwindigkeit und Richtung einer Veränderung ebenso wichtig sein wie die Konzentration selbst.
Und auf Spitzbergen zeigt der Trend eindeutig nach oben.
Ein verändertes chemisches Profil
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist nicht nur, dass die PFAS-Konzentrationen gestiegen sind, sondern auch, dass sich die Zusammensetzung der gefundenen Chemikalien verändert hat.
Frühere PFAS-Belastungen auf Spitzbergen wurden häufig mit lokalen Quellen in Verbindung gebracht, darunter Löschschaum-Übungsplätze und Deponien in der Nähe von Longyearbyen. Diese Quellen sind gut bekannt, da Löschschäume historisch PFAS-Verbindungen enthielten, die über lange Zeiträume in Böden, Schmelzwasser und Grundwasser verbleiben können.
Die Zusammensetzung der Schadstoffe in den aktuellen Rentierproben unterscheidet sich jedoch von früheren Untersuchungen lokaler Belastungsquellen. Die Kontamination wird heute vor allem von PFOS (Perfluoroctansulfonat) und mehreren langkettigen PFCAs (Perfluoralkylcarbonsäuren) dominiert – Stoffen, die für ihre Beständigkeit und ihre Fähigkeit bekannt sind, sich in Wildtieren anzureichern.
Vereinfacht gesagt: Nicht nur die Menge der PFAS hat sich verändert, sondern auch die Art der vorkommenden Verbindungen.
Dieses veränderte chemische Profil deutet darauf hin, dass Ferntransport eine größere Rolle spielen könnte als lokale Verschmutzungsquellen allein. In Industriegebieten freigesetzte PFAS können über Luftströmungen, Meeresströmungen und wandernde Wassermassen in die Arktis gelangen. Dort können sie sich in Schnee, Eis, Böden, Vegetation und schließlich in Wildtieren anreichern.
Der Klimawandel könnte die Situation zusätzlich komplizieren. Schadstoffe, die in Schnee, Gletschern und Permafrost gespeichert sind, können dort über Jahre oder sogar Jahrzehnte verbleiben. Wenn Gletscher schrumpfen und Permafrost auftaut, könnten einige dieser Altlasten erneut in die Umwelt freigesetzt werden.
Die Forschenden betonen jedoch, dass weitere Untersuchungen notwendig sind, bevor ein direkter ursächlicher Zusammenhang nachgewiesen werden kann. Die Ergebnisse verstärken dennoch die Sorge, dass klimabedingte Umweltveränderungen bereits vorhandene Schadstoffe in arktischen Ökosystemen erneut mobilisieren könnten.
Keine unmittelbare Gefahr, aber ein Warnsignal
Die Studie fand keine Hinweise darauf, dass die derzeitigen PFAS-Konzentrationen ein unmittelbares Risiko für die Spitzbergen-Rentierpopulation darstellen. Die gemessenen Werte lagen unter bekannten Toxizitätsschwellen für Wildtiere.
Dennoch beobachteten die Forschenden Veränderungen in Genen, die mit dem Energiestoffwechsel in Zusammenhang stehen. Solche biologischen Reaktionen führen nicht zwangsläufig zu sichtbaren Gesundheitsschäden, können aber als frühe Warnsignale dienen.
Für ein arktisches Tier, das auf einen präzise abgestimmten saisonalen Energiehaushalt angewiesen ist – Fettreserven im Sommer aufbauen und lange Winterperioden mit wenig Nahrung überstehen – könnten selbst subtile Störungen des Stoffwechsels langfristig relevant werden.
Die Studie zeigte außerdem, dass die Konzentrationen einiger Schwermetalle, darunter Cadmium, Blei und Quecksilber, im Vergleich zu historischen Werten stabil geblieben oder sogar zurückgegangen sind. In dieser Hinsicht stechen PFAS als die Schadstoffgruppe hervor, die den deutlichsten jüngsten Anstieg aufweist.
Was bedeutet das für den Menschen?
Für Einwohner und Besucher besteht laut den Forschenden kein Anlass zur Sorge hinsichtlich Trinkwasser oder der allgemeinen Gesundheitssituation in Longyearbyen.
Die Studie hat jedoch eine praktische Bedeutung für Menschen, die Spitzbergen-Rentiere jagen oder verzehren. Auf Grundlage der gemessenen PFAS-Konzentrationen schätzten die Forschenden, dass eine Person im Jahresdurchschnitt nicht mehr als etwa 11,5 Gramm Rentierleber pro Woche konsumieren sollte, um empfohlene Grenzwerte für die PFAS-Aufnahme nicht zu überschreiten.
Für Muskelfleisch wurde kein vergleichbares Risiko festgestellt. Die Empfehlung für Leber liefert jedoch einen wichtigen Richtwert für Jäger und Einwohner, die sich für Lebensmittelsicherheit interessieren.
Teil einer größeren arktischen Geschichte
Die Ergebnisse tragen zu einer wachsenden internationalen Debatte über PFAS-Verschmutzung bei. In ganz Europa prüfen Behörden derzeit weitreichende Beschränkungen für Tausende von PFAS-Verbindungen aufgrund ihrer Beständigkeit, Mobilität und potenziellen Auswirkungen auf Ökosysteme und die menschliche Gesundheit.
PFAS werden zunehmend als eine der großen Umweltverschmutzungsherausforderungen des 21. Jahrhunderts betrachtet. Trotz regulatorischer Einschränkungen einiger Verbindungen zirkulieren viele PFAS weiterhin weltweit und reichern sich weit entfernt von ihrem ursprünglichen Freisetzungsort an.
Der auf Spitzbergen beobachtete Anstieg ist besonders bemerkenswert, da er in einer Zeit stattfand, in der viele PFAS-Verbindungen bereits internationalen Beschränkungen oder Ausstiegsprogrammen unterliegen.
Die Ergebnisse erzählen daher eine größere Geschichte. Selbst in einer der abgelegensten bewohnten Regionen der Erde gelangen Chemikalien, die Tausende Kilometer entfernt freigesetzt wurden – und möglicherweise Schadstoffe, die jahrzehntelang in Schnee, Eis und Permafrost gespeichert waren – in die arktischen Nahrungsnetze.
Die Studie erinnert daran, dass kein Teil der Arktis wirklich von globalen Umwelteinflüssen isoliert ist. Selbst Tierarten, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen, bleiben mit Entscheidungen, Emissionen und Schadstoffen verbunden, die weit jenseits des Horizonts ihren Ursprung haben.
Weiterführende Informationen
Originalstudie
Stavridis et al., Seasonal Shift in Exposure and Accumulation of PFAS and Heavy Metals in High Arctic Reindeer, Environmental Science & Technology, 2026. DOI: 10.1021/acs.est.5c11066
PFAS auf einen Blick
PFAS
Eine Familie von mehreren Tausend synthetischen Chemikalien, die in Produkten eingesetzt werden, die Wasser, Fett, Schmutz oder Hitze abweisen sollen.
Warum werden sie „Ewigkeitschemikalien“ genannt?
Viele PFAS werden in der Umwelt nur extrem langsam abgebaut und können dort über Jahrzehnte bestehen bleiben.
Wo kommen sie vor?
Unter anderem in wasserdichter Outdoor-Bekleidung, Lebensmittelverpackungen, Antihaftbeschichtungen, Kosmetika, Industrieprodukten und Löschschäumen.
PFOS
Eine der bekanntesten und am besten untersuchten PFAS-Verbindungen. Obwohl ihre Verwendung in vielen Ländern eingeschränkt wurde, ist sie weiterhin weit verbreitet in der Umwelt nachweisbar.
PFCAs
Eine Untergruppe der PFAS, die für ihre hohe Beständigkeit und ihre Fähigkeit bekannt ist, sich in Wildtieren anzureichern.
Wie gelangen PFAS nach Spitzbergen?
Über atmosphärischen Ferntransport, Meeresströmungen und möglicherweise durch die erneute Freisetzung von Schadstoffen, die in Schnee, Gletschern und Permafrost gespeichert waren.
Warum ist das relevant?
PFAS wurden in nahezu allen arktischen Ökosystemen nachgewiesen – in Schnee, Meerwasser, Fischen, Seevögeln, Meeressäugern, Eisbären und zunehmend auch in Rentieren.
PolarJournal, Lisa Scherk

