Die französische Tara Polar Station ist zu ihrer ersten wissenschaftlichen Expedition in die zentrale Arktis aufgebrochen. Am 19. Juli 2026 verließ die neu entwickelte Forschungsplattform ihren Heimathafen Lorient und begann eine Mission, die den Auftakt eines auf 20 Jahre angelegten internationalen Forschungsprogramms bildet. Ziel ist es, die rasanten Veränderungen im Arktischen Ozean besser zu verstehen und die Auswirkungen des Klimawandels auf das empfindliche Ökosystem des Nordpolarmeeres ganzjährig zu dokumentieren.
Die Tara Polar Station ist keine klassische Forschungsstation und auch kein Eisbrecher. Die rund 26 Meter lange und 16 Meter breite Plattform wurde eigens dafür entwickelt, sich im Herbst im Packeis einfrieren zu lassen. Anschließend driftet sie über viele Monate mit den Meereisströmungen durch den zentralen Arktischen Ozean – ähnlich wie einst Fridtjof Nansens legendäre Fram, jedoch mit modernster wissenschaftlicher Ausstattung. Ihre runde Form sorgt dafür, dass sie vom wachsenden Eis nach oben gedrückt wird und nicht vom Eisdruck zerquetscht werden kann.
Während der ersten Expedition werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zwölf Ländern Daten zur Atmosphäre, zum Meereis und zum Ozean sammeln. Im Mittelpunkt stehen die Biodiversität der Arktis, das Leben im und unter dem Meereis, die Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre und Ozean sowie die Belastung durch Schadstoffe und Mikroplastik. Ein besonderes Augenmerk gilt Organismen, die bisher kaum erforscht sind, obwohl sie eine Schlüsselrolle im arktischen Ökosystem spielen.
Die Arktis erwärmt sich heute drei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt. Gleichzeitig schrumpft die sommerliche Meereisausdehnung kontinuierlich. Viele Prozesse während der langen Polarnacht sind bislang kaum untersucht, da Expeditionen in dieser Jahreszeit extrem aufwendig und riskant sind. Die Tara Polar Station soll diese Wissenslücke schließen und erstmals über viele Jahre hinweg vergleichbare Messreihen aus dem Herzen des Arktischen Ozeans liefern.
Das Programm Tara Polaris sieht bis 2046 insgesamt zehn mehrmonatige Driftmissionen vor. Durch die standardisierte Datenerfassung wollen die Forschenden langfristige Veränderungen von natürlichen saisonalen Schwankungen unterscheiden können. Die gewonnenen Daten sollen Klimamodelle verbessern, die Entwicklung der arktischen Biodiversität dokumentieren und eine wissenschaftliche Grundlage für künftige Schutz- und Managementmaßnahmen in der Arktis schaffen.
Mit der ersten Drift der Tara Polar Station beginnt damit eines der ehrgeizigsten internationalen Forschungsprogramme der vergangenen Jahrzehnte in der Arktis. Die schwimmende Forschungsstation soll über die kommenden 20 Jahre zu einem dauerhaften Beobachtungsposten im zentralen Nordpolarmeer werden und wertvolle Erkenntnisse über eine Region liefern, die sich schneller verändert als nahezu jeder andere Ort der Erde.
Heiner Kubny, PolarJournal

