Der 5. September 2026 ist der erste Internationale Tag der indigenen Frauen und Mädchen der Welt. Die UN-Generalversammlung führte den Gedenktag im November 2025 ein, um die Leistungen indigener Frauen und Mädchen zu würdigen und stärker auf die Herausforderungen aufmerksam zu machen, mit denen sie weiterhin konfrontiert sind.
In Grönland fällt der neue internationale Gedenktag in eine Zeit, in der sich das Land weiterhin mit den Folgen der sogenannten Verhütungsaffäre auseinandersetzt. Jahrzehnte nachdem Tausende grönländische Frauen und Mädchen von Verhütungsmaßnahmen betroffen waren, die inzwischen Gegenstand historischer und rechtlicher Untersuchungen sind, gab es erst in der vergangenen Woche mehrere neue Entwicklungen.
Eine Geschichte kommt ans Licht
Die Geschichte reicht bis in die 1960er-Jahre zurück, als das grönländische Gesundheitswesen unter dänischer Verantwortung stand. Im Jahr 1966 begann eine staatlich initiierte Verhütungskampagne, in deren Rahmen Spiralen und andere Verhütungsmittel verstärkt eingesetzt wurden.
Im Jahr 2022 vereinbarten Dänemark und Grönland die Einsetzung einer unabhängigen historischen Untersuchung. Ihre Ergebnisse wurden im September 2025 veröffentlicht. Der Untersuchung zufolge waren die Bemühungen zur Förderung der Familienplanung von der Sorge über soziale Probleme infolge sehr hoher Geburtenraten, großer Familien und einer wachsenden Zahl sehr junger unverheirateter Mütter geprägt. Das Gesundheitswesen betrachtete Verhütung als notwendig, um den Lebensstandard sowie die sozialen und gesundheitlichen Verhältnisse in Grönland zu verbessern.
Die Untersuchung ergab, dass bis Ende 1970 mindestens 4.070 Frauen eine Spirale erhalten hatten. Das entsprach etwa der Hälfte aller damals im gebärfähigen Alter befindlichen Frauen, die in Grönland geboren worden waren. Auf Grundlage historischer Dokumente sowie der Aussagen von 354 Frauen über Hunderte Verhütungseingriffe dokumentierte die Untersuchung Fälle, in denen Informationen oder Einwilligungen unzureichend waren, sowie körperliche und psychische Folgen.
Im August 2025 entschuldigten sich die dänische und die grönländische Regierung für die Zeiträume, in denen sie jeweils die Verantwortung trugen.
Neue Entwicklungen
Die Aufarbeitung geht inzwischen über Entschuldigungen hinaus. Am 27. August 2026 verabschiedete das dänische Parlament ein Gesetz zur Einrichtung einer Entschädigungsregelung. Anspruchsberechtigte Frauen, bei denen zwischen 1960 und 1991 ohne ihre Einwilligung Verhütungsmaßnahmen vorgenommen wurden, können demnach 300.000 dänische Kronen erhalten.
Unabhängig von der historischen Untersuchung setzte die grönländische Regierung eine vierköpfige Expertengruppe ein, die den Fall aus menschenrechtlicher Perspektive prüfen sollte. Dabei sollte auch untersucht werden, ob die Verstöße die rechtliche Definition eines Völkermords erfüllen könnten. In der Gruppe waren Fachkenntnisse zu den Rechten indigener Völker, zu Rechtsfragen und zur Kulturpsychologie vertreten.
Im Laufe der Arbeit kam es zu fachlichen Meinungsverschiedenheiten. Schließlich teilten sich die Fachleute in zwei Gruppen, die getrennt voneinander weiterarbeiteten. Daraus gingen zwei Berichte mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen hervor, die am 28. August 2026 veröffentlicht wurden.
Laut Reuters, das beide Berichte ausgewertet hat, kam einer von ihnen zu dem Schluss, es gebe hinreichende Gründe für die Annahme, dass unfreiwillige Verhütungsmaßnahmen mehrere Rechte grönländischer Inuit-Frauen verletzt hätten. Hinsichtlich der Frage eines Völkermords erklärten die Verfasser, die dafür erforderliche Absicht lasse sich nicht allein anhand der Verhütungspraktiken nachweisen. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass ein Gericht bei der Prüfung eines breiteren Spektrums an Beweisen zu einem anderen Ergebnis kommen könnte.
Der zweite Bericht kam ebenfalls zu dem Schluss, dass Frauen unrechtmäßig behandelt worden waren, erklärte jedoch, dass sich das Ausmaß der Rechtsverletzungen nicht bestimmen lasse. Die Autoren fanden keine Hinweise darauf, dass Behörden oder medizinisches Fachpersonal die Absicht hatten, die grönländische Bevölkerung zu vernichten, und stuften die Verhütungspraktiken daher nicht als Völkermord ein. Eine externe wissenschaftliche Begutachtung kritisierte den Bericht anschließend mit der Begründung, er entspreche nicht den anerkannten wissenschaftlichen Standards – eine Einschätzung, die von den Autoren des Berichts zurückgewiesen wurde.
Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen hat eine gemeinsame Versöhnungskommission mit Dänemark vorgeschlagen. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen begrüßte die Idee.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Verhütungskampagne werden deren Folgen weiterhin im Rahmen historischer und rechtlicher Untersuchungen, durch Entschädigungsmaßnahmen und Bemühungen um Versöhnung aufgearbeitet. Anlässlich der erstmaligen Begehung des Internationalen Tages der indigenen Frauen und Mädchen bleibt die Verhütungsaffäre Teil einer breiteren Debatte über die Rechte und Erfahrungen indigener Frauen in Grönland.
Dr. Yana Kirichenko, PolarJournal

