Spitzbergens Gletscher setzen Methan aus dem Untergrund frei

von Heiner Kubny
10/21/2026

Silje Waaler entnimmt am Ende des Svalbreen auf Spitzbergen eine Wasserprobe aus dem Gletscherfluss. In solchen Schmelzwässern fanden Forschende erhöhte Methankonzentrationen. Das Methan stammt überwiegend aus alten Gesteinsschichten unter dem Eis und wird mit dem Schmelzwasser aus dem Gletscher transportiert. (Foto: Gabrielle Kleber / UiT, iC3)

Unter den Gletschern Spitzbergens verbirgt sich eine bislang unterschätzte Quelle des Treibhausgases Methan. Eine neue Studie zeigt, dass Schmelzwasser Methan aus dem Gestein unter dem Eis aufnimmt und an die Oberfläche transportiert. Mit zunehmender Gletscherschmelze könnte dieser Prozess an Bedeutung gewinnen.

Ein internationales Forschungsteam untersuchte Schmelzwasser von 19 Talgletschern im zentralen Spitzbergen. Insgesamt wurden 148 Wasserproben genommen. Das Ergebnis: In den Abflüssen aller untersuchten Gletscher fanden die Wissenschaftler erhöhte Methankonzentrationen. Teilweise lagen sie bis zum 425-Fachen über dem Gleichgewichtswert mit der Atmosphäre.

Der Ragna Mariebreen auf Spitzbergen mit seinem weit verzweigten Schmelzwasserabfluss vor der Gletscherzunge. Der Gletscher gehört zu den untersuchten Standorten der neuen Methan-Studie. Schmelzwasser unter dem Eis kann Methan aus dem geologischen Untergrund aufnehmen und über die Gletscherflüsse an die Oberfläche transportieren. (Foto: Leonard Magerl / UiT, iC3)

Bemerkenswert ist vor allem die Herkunft des Gases. Isotopenanalysen sowie der Nachweis von Ethan und Propan zeigen, dass ein großer Teil des Methans nicht erst durch Mikroorganismen unter dem Eis entsteht. Es handelt sich überwiegend um altes, thermogenes Methan, das in organisch reichen Gesteinsschichten im Untergrund gebildet wurde.

Entscheidend ist offenbar auch, wie der Gletscher auf seinem Untergrund aufliegt. Besonders dort, wo die Gletscherbasis nicht vollständig gefroren ist und das Eis über schieferreichen, organischen Gesteinsschichten liegt, kann Schmelzwasser unter dem Gletscher zirkulieren. Dabei nimmt es Methan auf und transportiert es über Gletscherflüsse an die Oberfläche.

Für Spitzbergen könnte dieser Mechanismus mit dem weiteren Rückzug der Gletscher an Bedeutung gewinnen. Rund 60 Prozent des Archipels sind von Gletschern bedeckt, während methanreiche Gesteinsschichten in großen Teilen des Untergrunds vorkommen. Zusätzliche Schmelzwasserwege könnten künftig weiteres eingeschlossenes Gas mobilisieren.

Schematische Darstellung des Methantransports unter einem Gletscher auf Spitzbergen. Schmelzwasser zirkuliert am Gletscherbett, nimmt überwiegend thermogenes Methan aus organisch reichen Gesteinsschichten auf und transportiert es durch subglaziale Kanäle nach außen. Im Gletscherfluss kann das Methan anschließend in die Atmosphäre entweichen. Die Darstellung basiert auf den Ergebnissen der neuen Studie zu 19 Gletschern auf Spitzbergen. (Illustration: PolarJournal)

Noch ist allerdings unklar, wie groß diese Methanemissionen insgesamt sind. Die Forschenden sehen darin keine bereits dominierende Methanquelle, sondern einen bislang wenig berücksichtigten Prozess, der möglicherweise auch in anderen vergletscherten Regionen auftritt.

Die Ergebnisse wurden am 8. September 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications unter dem Titel „Subglacial geology and thermal conditions regulate methane emissions from Svalbard glaciers“ veröffentlicht.

Heiner Kubny, PolarJournal