Viele Vögel kehren jedes Jahr in vertraute Brutgebiete zurück. Eine neue Studie untersucht, warum Watvögel, die in der arktischen Tundra brüten, ihren Brutort besonders häufig zwischen den Sommern wechseln.
Jahr für Jahr im selben Gebiet zu brüten, bietet mehrere mögliche Vorteile. Die Vertrautheit mit den örtlichen Bedingungen kann Vögeln helfen, Nahrung zu finden und Fressfeinden auszuweichen. Die Rückkehr in dasselbe Brutgebiet bietet zudem die Möglichkeit, frühere Partner wiederzutreffen.
Allerdings ist seit Langem bekannt, dass die Rückkehrraten von artspezifischen und individuellen Merkmalen abhängen, darunter Paarungssystem, Geschlecht, Körpergrösse und Alter. Auch geografische Unterschiede wurden beobachtet, deren Ursachen jedoch noch nicht vollständig verstanden sind.
Ein Team des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz in Deutschland untersuchte in einer neuen Studie, ob sich die Muster zwischen Biomen unterscheiden, also grossräumigen ökologischen Regionen wie Tundra, Wäldern und Graslandschaften.
Die Tundra bestimmt das geografische Muster
Die Forschenden analysierten 189 Schätzungen der Rückkehrrate aus 120 Populationen von 55 Watvogelarten auf der Nordhalbkugel. Diese vorhandenen Daten erfassten den Anteil markierter Altvögel, die in der folgenden Brutsaison erneut im selben Untersuchungsgebiet beobachtet wurden.
Ihre Analyse ergab insgesamt niedrigere Rückkehrraten bei Tundrapopulationen. Der Median lag bei ungefähr einem Drittel, gegenüber knapp zwei Dritteln in anderen Biomen. Nur innerhalb der Tundra nahmen die Rückkehrraten zudem nach Norden hin stark ab. Das Modell sagte für die südlichsten untersuchten Tundrastandorte eine Rückkehr von etwa der Hälfte der Vögel voraus, für die nördlichsten dagegen nur von jedem zehnten Vogel.
Die Autoren schliessen daraus, dass dieser Rückgang innerhalb der Tundra den übergreifenden Zusammenhang mit dem Breitengrad in ihrem Datensatz erklärt.
Die Forschenden verglichen auch geografisch getrennte Populationen derselben Art. Bei allen drei Arten, für die Daten sowohl aus der Tundra als auch aus anderen Biomen vorlagen, fanden sie niedrigere Rückkehrraten in den Tundrapopulationen.
Mögliche Ursachen und Folgen
Nach Ansicht der Forschenden vereint die Tundra wichtige Bedingungen, die eine flexible Wahl des Brutorts begünstigen könnten, darunter unvorhersehbare örtliche Verhältnisse und eine kurze Fortpflanzungszeit. Der Zeitpunkt der Schneeschmelze und das Risiko, dass Nester geplündert werden, können sich zwischen Orten und Jahren erheblich unterscheiden. Ein zuvor geeigneter Standort kann deshalb im nächsten Sommer ungünstige Bedingungen bieten.
Da besonders im hohen Norden wenig Zeit zum Warten bleibt, könnten Vögel, die an einen ungeeigneten Standort zurückkehren, eine ganze Brutsaison verpassen. Das Team vermutet deshalb, dass die Wahl eines anderen Orts vorteilhafter sein kann. Zugleich weist es darauf hin, dass direkte Tests der Erklärungen zu Schneebedingungen und Nesträubern fehlen.
Die Autoren vermuten zudem, dass häufigere Ortswechsel den genetischen Austausch verstärken könnten. Dies könnte lokale Anpassungen, genetische Unterschiede zwischen Populationen und die Entstehung von Unterarten verringern und zu breitengradabhängigen Mustern der Artenvielfalt beitragen. Sie erwarten eine schnellere Besiedlung neu geeigneter Gebiete und Wiederbesiedlung nach lokalem Aussterben, was die Widerstandsfähigkeit gegenüber natürlichen und menschengemachten Lebensraumveränderungen erhöhen könnte. Diese Folgen hängen von den zurückgelegten Entfernungen ab, die weitere Untersuchungen mit Ortungstechnik klären könnten.
Dr. Yana Kirichenko, PolarJournal

