Eingebettet in die raue Weite der Beringstraße, zwischen Alaska und der russischen Halbinsel Tschukotka, liegen die Diomedes-Inseln – ein Ort, an dem Geografie, Zeitrechnung und Weltpolitik auf engstem Raum aufeinandertreffen. Die Inselgruppe besteht aus zwei kargen Felsen im Meer: Big Diomede, auch „Insel von Morgen“ genannt, und Little Diomede, bekannt als „Insel von Gestern“.
Nur rund 3,8 Kilometer trennen die beiden Inseln, die kürzeste Distanz zwischen Russland und den Vereinigte Staaten. Und doch verläuft hier nicht nur eine internationale Grenze, sondern auch eine der symbolträchtigsten Linien der Welt: die Internationale Datumsgrenze. Sie folgt grob dem 180. Längengrad und sorgt dafür, dass zwischen den Inseln ein Zeitunterschied von bis zu 24 Stunden besteht.
Während auf Little Diomede noch „heute“ gilt, ist auf Big Diomede bereits „morgen“. Diese kuriose zeitliche Trennung hat den Inseln ihre poetischen Beinamen eingebracht, sie ist aber auch Ausdruck einer tiefen politischen Realität. Big Diomede gehört zu Russland und ist militärisches Sperrgebiet, unbewohnt seit der Umsiedlung der indigenen Bevölkerung während der Sowjetzeit. Little Diomede hingegen ist Teil der USA und beherbergt ein kleines Inupiat-Dorf, das bis heute mit extremen klimatischen und infrastrukturellen Herausforderungen lebt.
Besonders während des Kalten Krieges wurden die Diomedes-Inseln zum Sinnbild der ideologischen Konfrontation zwischen Ost und West. Trotz der geringen Entfernung war ein direkter Austausch zwischen den Inseln jahrzehntelang unmöglich. Die Meerenge dazwischen trug den bezeichnenden Namen „Ice Curtain“, eine Anspielung auf den Eisernen Vorhang, der Europa teilte.
Heute, in Zeiten neuer geopolitischer Spannungen zwischen Washington und Moskau, haben die Diomedes-Inseln nichts von ihrer symbolischen Kraft verloren. Sie zeigen, wie nah sich Staaten geografisch sein können, und politisch wie weit entfernt. Zwischen gestern und morgen liegt hier nicht nur eine Datumsgrenze, sondern auch ein Spiegel globaler Machtverhältnisse.
Heiner Kubny, PolarJournal

