Polarnacht: Wie Dunkelheit Rhythmus, Psyche und Gemeinschaft formt

von Lisa Scherk
01/09/2026

Spitzhäuser in Longyearbyen – Bild: Lisa Scherk

In den nördlichen Polarregionen verschwindet im Winter die Sonne für Wochen oder Monate hinter dem Horizont, ein Phänomen, das als Polarnacht bekannt ist. Überall nördlich des Polarkreises beeinflusst diese lange Dunkelheit den Alltag, die Stimmung und das soziale Leben – mal subtil, mal deutlich spürbar. In Longyearbyen auf Spitzbergen, wo die Polarnacht Ende Oktober beginnt, steckt die Stadt derzeit mitten in dieser Dunkelzeit. Der Alltag verändert sich spürbar und wird leiser, langsamer und zugleich gemeinschaftlicher. Straßenlaternen, Signalwesten, beleuchtete Fenster und Stirnlampen prägen das Stadtbild. Eine Zeit ohne direkten Sonnenaufgang, die Umwelt, Körper und soziale Dynamiken gleichermaßen beeinflusst – für manche erholsam, für andere herausfordernd.

Warum gibt es die Polarnacht?

Die Polarnacht ist kein Wetterphänomen, sondern eine direkte Folge der Neigung der Erdachse um etwa 23,44 Grad in Bezug auf die Sonnenekliptik, die Ebene, in der die Erde die Sonne umkreist. Während des Winters ist die Nordhalbkugel von der Sonne weg geneigt, sodass Regionen nördlich des Polarkreises für einen bestimmten Zeitraum kein direktes Sonnenlicht erhalten. Am Polarkreis dauert dieser Zeitraum etwa einen Tag, auf Spitzbergen mehrere Wochen, am Nordpol rund 179 Tage. 

Grafik Erdekliptik – Grafik: Marcel Schütz

Auch in der Antarktis tritt eine Polarnacht auf, dort während des Südwinters von etwa Mai bis Juli.  Forschungsstationen wie die amerikanische Amundsen-Scott-Station am Südpol sind in dieser Zeit nahezu vollständig isoliert. Dies steht in deutlichem Kontrast zu bewohnten arktischen Siedlungen wie Longyearbyen, wo trotz der anhaltenden Dunkelheit ziviles Alltagsleben, Arbeit und soziale Aktivitäten weitergeführt werden.

Vollständig dunkel ist es jedoch selten. Diffuses Streulicht, atmosphärische Refraktion sowie die starke Reflexion von Schnee und Eis erzeugen tagsüber eine anhaltende Dämmerung. Je nach Wetterlage werden auf Spitzbergen zur Mittagszeit einige Hundert bis vereinzelt über 1.000 Lux erreicht, genug zur Orientierung und für Outdoor-Aktivitäten, aber meist zu wenig, um den circadianen Rhythmus, also die körpereigene innere Uhr, zuverlässig zu stabilisieren, wie entsprechende Messungen am Universitätszentrum auf Spitzbergen zeigen.

Nordlichter über Longyearbyen – Bild: Lisa Scherk

Wie wirkt die Polarnacht auf die innere Uhr?

 Der menschliche circadiane Rhythmus wird maßgeblich durch den natürlichen Hell-Dunkel-Wechsel synchronisiert. Während der Polarnacht fehlt dieses dominante Lichtsignal. Messungen der Melatoninrhythmen bei in der Arktis lebenden Personen zeigen eine reduzierte Amplitude,  also eine geringere Ausschüttung, sowie zeitliche Verschiebungen, bei denen das Hormon früher oder später im Tagesverlauf freigesetzt wird, wie Studien des University Centre auf Spitzbergen zeigen. Dies erklärt, warum viele Menschen über erhöhte Tagesmüdigkeit und Schwierigkeiten beim Einschlafen berichten.

Neben biologischen Faktoren spielen auch soziale Einflüsse eine zentrale Rolle: eine geringere Tagesstruktur, weniger Bewegung im Freien und reduzierte spontane soziale Interaktionen können die Effekte verstärken. Langzeitbewohner begegnen dem häufig mit festen Tagesabläufen, regelmäßiger Bewegung, dem gezielten Einsatz von künstlichem Licht, etwa durch Vollspektrum-Lampen, sowie stabilen Schlafenszeiten.

Belastet die Polarnacht die Psyche?

Lichtarme Monate in polaren Regionen wirken sich bei vielen Menschen psychisch aus, meist subtil. Bevölkerungsbasierte Studien aus Nordeuropa legen nahe, dass während der lichtarmen Wintermonate etwa ein Zehntel der Bevölkerung leichte depressive Symptome entwickelt, wie unter anderem in Übersichtsarbeiten von Magnusson und Boivin beschrieben wird. Häufig genannt werden verminderte Energie, reduzierte Motivation, Schlaf- und Konzentrationsprobleme sowie mentale Ermüdung. Klinisch manifeste Depressionen bleiben jedoch die Ausnahme. 

Nordlichter Lindholmhøgda – Bild: Lisa Scherk

Langzeitstudien von der polnischen Forschungsstation Hornsund auf Spitzbergen zeigen, dass die Stimmung vieler Forschender über die Polarnacht hinweg relativ stabil bleibt, wie sie unter anderem in Arbeiten von Temp et al. beschrieben wird. Belastender sind oft die Übergangsphasen, wenn sich Lichtverhältnisse und Routinen abrupt verändern. Forschende interpretieren dies als Anpassungseffekt: Solange Umweltbedingungen konstant bleiben, können Menschen sich gut darauf einstellen. Wichtig ist dabei die Einordnung, dass diese Studien kleine, gesunde und stark strukturierte Gruppen untersuchen – ihre Ergebnisse lassen sich nur eingeschränkt auf zivile Siedlungen übertragen.

Bewohner von Longyearbyen berichten von ähnlichen, aber individuell sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Viele betonen, dass bewusste Alltagsgestaltung, soziale Kontakte und körperliche Aktivität entscheidend sind. Menschen mit einer positiven Haltung zur Dunkelzeit berichten teils sogar von gesteigertem Wohlbefinden, ein Effekt, der in der Forschung als „Winter-Mindset“ diskutiert wird.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Selbstbestimmung. In Siedlungen wie Longyearbyen leben viele Menschen bewusst und freiwillig in der Polarnacht. Wer sich aktiv für diesen Lebensraum entscheidet, kann Tagesstruktur, soziale Kontakte und Bewegung gezielt nutzen – und bewältigt die Dunkelzeit oft besser als Menschen, die aus wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Gründen kaum Wahlmöglichkeiten haben.

Welche Rolle spielt Gemeinschaft in der Dunkelzeit? 

Gemeinschaftliche Strukturen gewinnen während der Polarnacht an Bedeutung. In Longyearbyen schaffen Veranstaltungen wie die Polar Night Week, Filmabende, Konzerte oder das Jul-Fest feste Ankerpunkte. Besonders ist das jährliche Weihnachtsbaumaufstellen: Das Dorf zieht mit Fackeln zu einer verlassenen Mine 2B, wo der Legende nach der Weihnachtsmann lebt. Kinder werfen Wunschzettel in einen Briefkasten, danach geht es ins Zentrum. Dort wird gemeinsam gesungen, getanzt und Gløgg getrunken – ein Ritual, das Verbundenheit schafft und der Dunkelzeit etwas Romantisches verleiht.

Auch der Umgang mit Alkohol wird in arktischen Regionen diskutiert. Übersichtsarbeiten betonen dabei, dass soziale und strukturelle Rahmenbedingungen oft entscheidender sind als Lichtmangel allein, wie unter anderem in Studien von Bjerregaard et al. beschrieben wird. In Orten wie Longyearbyen können freiwilliger Aufenthalt, soziale Durchlässigkeit und gemeinschaftliche Rituale stabilisierend wirken. Gemeinschaft ist hier häufig ein Schutzfaktor – während Isolation und fehlende Tagesstruktur Risiken erhöhen.

Langjährig ansässige und gut vernetzte Menschen profitieren besonders von diesen Strukturen. Neuankömmlinge oder temporäre Arbeitskräfte empfinden die Dunkelzeit dagegen häufiger als belastend – nicht wegen der Dunkelheit allein, sondern wegen fehlender sozialer Einbindung.

Weihnachtsfest in Longyearbyen – Bild: Lisa Scherk

Was stimmt – und was ist Mythos?

Mythos 1: „Monatelang pechschwarz.“
Falsch. Dämmerlicht, Mondschein, Schnee-Reflexion und Polarlichter prägen das Lichtumfeld.

Mythos 2: „Alle werden depressiv.“
Falsch. Schlafprobleme und Müdigkeit treten häufiger auf, psychische Erkrankungen jedoch nicht automatisch.

Mythos 3: „Man kann nichts unternehmen.“
Falsch. Hundeschlittenfahrten, Schneemobil-Touren, Eisklettern und Spaziergänge gehören auch während der Polarnacht zum Alltag.

Wenn die Sonne zurückkehrt

Am 8. März kehrt die Sonne nach Longyearbyen zurück. Zunächst trifft ihr Licht die Berghänge, bevor es die Häuser erreicht – ein Moment, den viele gemeinsam draußen erwarten. Das Sonnen-Fest markiert die Rückkehr des Lichts: Energie, Tatendrang und Aufbruchsstimmung werden spürbar. Wer die Polarnacht erlebt hat, weiß: Sie schärft die Wahrnehmung eigener Rhythmen, stärkt Gemeinschaft und macht bewusste Alltagsgestaltung zu einem wichtigen Werkzeug für Wohlbefinden.

Fazit

Die Polarnacht beeinflusst biologische Rhythmen, psychisches Befinden und soziale Dynamiken gleichermaßen. Ihre Wirkung ist weder eindeutig negativ noch universell belastend. Wer sich bewusst auf die Dunkelzeit einlässt, soziale Strukturen pflegt und dem eigenen Rhythmus Aufmerksamkeit schenkt, kann daraus Stabilität und Gemeinschaft ziehen – und die besonderen Licht- und Naturphänomene des hohen Nordens intensiv erleben.

Lisa Scherk, PolarJournal