Ungleiche Schadstoffbelastung bei Männern und Frauen in der Arktis

von Léa Zinsli
06/29/2026

Arktische Ernährungsbedingte Schadstoffbelastung führt bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen Belastungen und spiegelt Unterschiede in Ernährung und Biologie wider.
Illustration eines Küstendorfs in Grönland

Die Arktis wird oft als abgelegene und unberührte Region dargestellt. Tatsächlich ist sie jedoch zunehmend von Umweltverschmutzung geprägt, die weit außerhalb ihrer Grenzen entsteht. Schadstoffe aus Industriegebieten werden über die Atmosphäre und die Ozeane nach Norden transportiert und reichern sich in arktischen Ökosystemen an. Der Klimawandel verstärkt diesen Prozess zusätzlich, indem er Schadstoffe freisetzt, die lange Zeit in Eis und Permafrost gebunden waren.

Für arktische Gemeinschaften ist die Belastung durch diese Schadstoffe eng mit der Ernährung verknüpft. Traditionelle Lebensmittel wie Fisch und Meeressäuger sind weiterhin zentral für Ernährung, Ernährungssicherheit und kulturelle Identität. Gleichzeitig können diese Arten erhöhte Konzentrationen schädlicher Stoffe enthalten, darunter persistente organische Schadstoffe und Quecksilber. Daraus ergibt sich eine bekannte Herausforderung: Wie lassen sich die Vorteile traditioneller Ernährungsweisen erhalten und gleichzeitig die Belastung durch Schadstoffe verringern?

Untersuchungen in arktischen Bevölkerungen zeigen ein konsistentes, aber oft übersehenes Muster. Frauen weisen im Durchschnitt rund ein Viertel niedrigere Konzentrationen vieler organischer Schadstoffe auf als Männer. Dieser Unterschied lässt sich sowohl durch soziale Praktiken als auch durch biologische Prozesse erklären. In vielen Gemeinschaften unterscheiden sich die Ernährungsgewohnheiten von Männern und Frauen, sowohl hinsichtlich der verzehrten Lebensmittel als auch der konsumierten Mengen. Zudem beeinflussen kulturelle Normen, welche Teile von Tieren gegessen werden. Dadurch unterscheiden sich die Schadstoffbelastungen von Männern und Frauen bereits von Anfang an.

Anreicherung von Schadstoffen im arktischen marinen Nahrungsnetzes

Auch biologische Faktoren tragen zu diesen Unterschieden bei. Frauen können bestimmte Schadstoffe durch Prozesse wie Menstruation, Schwangerschaft und Stillzeit ausscheiden, was die langfristige Anreicherung im Körper verringern kann. Zusammengenommen tragen diese Faktoren dazu bei, dass die gemessenen Belastungen bei Frauen häufig niedriger sind.

Niedrigere Werte bedeuten jedoch nicht zwangsläufig ein geringeres Risiko. Einige Studien deuten darauf hin, dass Frauen empfindlicher auf bestimmte Chemikalien reagieren können, insbesondere auf solche, die das Hormonsystem beeinflussen. So wurde etwa ein Zusammenhang zwischen PFAS und Veränderungen der Schilddrüsenfunktion beobachtet, mit Hinweisen auf stärkere Effekte bei Frauen. Auch Lebensphasen wie die Schwangerschaft können die Anfälligkeit erhöhen, sodass selbst vergleichsweise geringe Belastungen bedeutsame Auswirkungen haben können.

Ungleiche Exposition und Anreicherung von Schadstoffen bei Männern und Frauen in der Arktis
(Abbildung: Murcia-Morales et al. 2026, Environment International)

Gleichzeitig bestehen weiterhin wichtige Wissenslücken. Viele Studien konzentrieren sich auf Frauen, insbesondere im Zusammenhang mit der Gesundheit von Müttern, während Männer häufig unterrepräsentiert sind oder Ergebnisse nicht getrennt nach Geschlecht ausgewiesen werden. Dies erschwert ein umfassendes Verständnis von Belastungen und gesundheitlichen Auswirkungen und kann die Entwicklung wirksamer Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit beeinträchtigen.

Der Umgang mit Umweltverschmutzung in der Arktis erfordert daher die Abwägung mehrerer Ziele, darunter die Verringerung schädlicher Belastungen, die Sicherung der Ernährung und der Erhalt kultureller Praktiken. Ein einheitlicher Ansatz wird dieser Komplexität kaum gerecht. Stattdessen wächst die Erkenntnis, dass es Strategien braucht, die Unterschiede in Exposition und Verwundbarkeit zwischen Männern und Frauen berücksichtigen und zugleich Wissen und Prioritäten arktischer Gemeinschaften einbeziehen.

Die Arktis gilt häufig als Frühwarnsystem für globale Umweltveränderungen. Die dort nachweisbaren Schadstoffe stammen größtenteils aus anderen Regionen, ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch lokal und ungleich verteilt. Diese Unterschiede zu erkennen, ist ein wichtiger Schritt hin zu wirksameren und gerechteren Lösungen im Umgang mit Umweltverschmutzung in einer sich rasch verändernden Region.

Léa Zinsli, PolarJournal