1999 segelte Hauke Trinks allein von Hamburg an die Nordküste Spitzbergens. Mit seiner Yacht Mesuf ließ er sich bei Mushamna für den Winter im Eis einschließen. Dort verbrachte er monatelang die Polarnacht zwischen Eisbären und Packeis, während er Experimente zum Meereis und zum Ursprung des Lebens durchführte.
Trinks war Physiker und ehemaliger Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Doch die Arktis schien ihn irgendwann stärker anzuziehen als das akademische Leben. Er war überzeugt, dass das Leben auf der Erde möglicherweise nicht in warmen Ozeanen entstanden war, wie viele Forschende annahmen, sondern im Eis. Für ihn war Meereis keine starre, tote Masse, sondern eine dynamische Struktur aus Kanälen, Salz, Druck und mikroskopisch kleinen Hohlräumen, in denen sich Moleküle konzentrieren und miteinander reagieren konnten.
Die Überwinterung in Mushamna war selbst für Spitzbergen-Verhältnisse extrem. Die Vorräte wurden knapp, Eisbären beschädigten Ausrüstung und drangen immer wieder in die Nähe des Lagers vor. Laut einem späteren Porträt im Magazin Natureernährte sich Trinks zeitweise von Hundefutter und Robbenfleisch. Doch gerade diese Erfahrung vertiefte offenbar seine Verbundenheit mit dem Norden.
Als er einige Jahre später eine weitere Überwinterung plante, sollen ihm die Behörden untersagt haben, noch einmal allein aufzubrechen. In dieser Zeit lernte Trinks in einer Bar in Longyearbyen die britisch-schottische ehemalige Bibliothekarin Marie Tièche kennen. Kurz darauf erklärte sie sich bereit, ihn auf eine neue Expedition nach Kinnvika auf Nordaustlandet zu begleiten.
Gemeinsam mit zwei Hunden lebten sie mehr als ein Jahr lang in einer kleinen Hütte in Kinnvika, auch während der langen Monate der Polarnacht, während Trinks seine Forschungen zum Meereis fortführte. Daraus entstand später eine wissenschaftliche Publikation, in der er gemeinsam mit Kollegen die Theorie vertrat, dass die Struktur von Meereis günstige Bedingungen für die Entstehung und Replikation von RNA-Molekülen geschaffen haben könnte. Diese Frage gehört bis heute zu den zentralen Themen der Ursprungsforschung des Lebens.
Das Leben in Kinnvika bestand jedoch nicht nur aus Wissenschaft. In ihrem Buch Champagne and Polar Bearsbeschreibt Tièche die Routinen, Spannungen und die besondere Nähe, die während einer Überwinterung in völliger Isolation entstehen. Das Buch vermittelt einen seltenen Eindruck vom Alltag an einem Ort, an dem es kaum Privatsphäre gab, keinen Ort zum Weggehen und keine Möglichkeit, einander auszuweichen.
Bis an sein Lebensende kehrte Trinks immer wieder in den Norden zurück und verbrachte längere Zeit in Island, Norwegen und auf Spitzbergen. Die Arktis war für ihn längst mehr geworden als ein Ort wissenschaftlicher Feldforschung. Dort lebte er viele seiner Vorstellungen von Wissenschaft, Einsamkeit und Freiheit aus. Im Dezember 2016 starb er auf Spitzbergen, nachdem er erneut dorthin gereist war, um den Winter in einer Hütte nahe Longyearbyen zu verbringen.
Léa Zinsli, PolarJournal

