Fast 180 Jahre nach dem tragischen Ende der Franklin-Expedition ist es Forschenden gelungen, vier bislang unbekannte Crewmitglieder mithilfe von DNA-Analysen eindeutig zu identifizieren. Die Expedition unter Leitung des britischen Polarforschers John Franklin war 1845 mit den beiden Schiffen HMS Erebus und HMS Terror aufgebrochen, um die Nordwestpassage durch die Arktis zu finden. Nachdem beide Schiffe im Packeis festgefroren waren, versuchten die 129 Besatzungsmitglieder, sich zu Fuss über das Eis in Richtung Süden zu retten. Keiner der Männer überlebte.
Ein Forschungsteam der University of Waterloo in Kanada konnte nun die sterblichen Überreste von vier Seeleuten identifizieren. Drei von ihnen gehörten zur Besatzung der HMS Erebus und wurden in der sogenannten Erebus-Bucht gefunden. Der vierte Mann war Unteroffizier Harry Peglar von der HMS Terror. Seine Überreste wurden rund 200 Kilometer von der Küste entfernt im Binnenland einer arktischen Insel entdeckt. Peglar ist damit das erste Crewmitglied der Terror, dessen Identität durch DNA-Analysen bestätigt werden konnte.
Besonders bedeutend ist Peglars Identifizierung, weil sie ein Rätsel löst, das seit 1859 bestand. Seine Leiche war damals zusammen mit persönlichen Dokumenten gefunden worden. Da er jedoch Kleidung trug, die nicht seinem Dienstgrad entsprach, gab es lange Zweifel daran, ob es sich tatsächlich um Harry Peglar handelte. Die modernen genetischen Untersuchungen haben diese Unsicherheit nun endgültig beseitigt.
Bei Peglars Leiche wurden auch die sogenannten Peglar-Papiere entdeckt, einige der wenigen schriftlichen Zeugnisse der Franklin-Expedition. Die Dokumente enthalten Gedichte sowie offenbar Schilderungen von Ereignissen während der letzten Monate der Reise.
Das Forschungsteam um den Anthropologen Douglas Stenton hatte bereits in den vergangenen Jahren weitere Mitglieder der Expedition identifiziert. 2021 gelang die Zuordnung der Überreste des Ingenieurs John Gregory. 2024 konnten die Forschenden den Kapitän der HMS Erebus, James Fitzjames, identifizieren. Bei seinen Überresten fanden sich Hinweise auf Kannibalismus. Bei den nun identifizierten vier Männern wurden dagegen keine solchen Spuren festgestellt.
Die DNA-Analysen ermöglichten auch die Kontaktaufnahme mit heute lebenden Nachfahren. So stellte sich heraus, dass der BBC-Journalist Rich Preston ein Nachfahre des Expeditionsteilnehmers John Bridgens ist. Preston zeigte sich überrascht und zugleich fasziniert von dieser Verbindung zu einem der bekanntesten Kapitel der Polarforschung.
Die Entdeckungen liefern neue Erkenntnisse über das Schicksal der Franklin-Expedition und helfen dabei, die letzten Tage der Mannschaft genauer zu rekonstruieren. Für Historiker und Nachfahren sind sie ein wichtiger Schritt, um eines der grössten Rätsel der Arktisgeschichte weiter aufzuklären.
Heiner Kubny, PolarJournal

