Unter einer dicken Schicht aus Schnee und Eis ruhen auf dem kältesten Kontinent der Erde die sterblichen Überreste Hunderter Menschen. Die Antarktis, eine trostlose Wildnis am Rand der Welt, bewahrt ihre Toten wie ein gefrorenes Archiv menschlicher Grenzerfahrungen. Jede dieser Leichen erzählt eine Geschichte über die Beziehung der Menschheit zu einem Ort, der ebenso fasziniert wie tötet.
(Foto: Heiner Kubny)
Trotz moderner Technik und wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt die Antarktis lebensgefährlich. Temperaturen von bis zu minus 90 Grad Celsius im Inneren des Kontinents und Windgeschwindigkeiten von über 300 Kilometern pro Stunde sind nur ein Teil der Bedrohung. Gletscherspalten, Stürme, Isolation und menschliche Fehlentscheidungen forderten über zwei Jahrhunderte hinweg immer wieder Todesopfer. Viele von ihnen wurden nie geborgen, sie liegen tief im Eis begraben oder treiben mit den Gletschern langsam dem Meer entgegen.
Die ältesten Überreste: Eine Frau aus dem 19. Jahrhundert
Auf Livingston Island, im südlichen Shetland-Archipel vor der Antarktischen Halbinsel, wurden in den 1980er Jahren ein menschlicher Schädel und ein Oberschenkelknochen entdeckt. Analysen ergaben, dass sie zu einer etwa 21-jährigen Frau gehörten, die zwischen 1819 und 1825 starb. Damit sind es die ältesten bekannten menschlichen Überreste in der Antarktis.
Die Frau stammte aus einer indigenen Bevölkerungsgruppe im Süden Chiles, mehr als 1000 Kilometer entfernt. Wie sie dorthin gelangte, bleibt ungeklärt. Wahrscheinlich begleitete sie ein Schiff von Robbenjägern, die kurz nach der Entdeckung der antarktischen Inseln durch William Smith in den Süden aufbrachen. Schriftliche Aufzeichnungen fehlen, Logbücher früher Expeditionen sind nicht erhalten. Ihr Tod markiert dennoch den Beginn einer langen Reihe menschlicher Verluste im ewigen Eis.
1912: Das Scheitern einer nationalen Hoffnung
Im Januar 1912 erreichte eine britische Expedition unter der Leitung von Robert Falcon Scott den Südpol, nur um festzustellen, dass der Norweger Roald Amundsen ihnen bereits zuvorgekommen war. Der Verlust des Wettlaufs traf das Team hart. Der Rückweg wurde zur tödlichen Prüfung.
Einer nach dem anderen starben die Männer an Erschöpfung, Verletzungen und Kälte. Edgar Evans, Lawrence Oates, Edward Wilson und Henry Bowers kamen ums Leben; nur die Leichen von Scott, Wilson und Bowers wurden Monate später gefunden und im Schnee begraben. Scotts letzte Tagebucheinträge schildern die Aussichtslosigkeit der Lage und eine stoische Bereitschaft zum Opfer. Die Antarktis wurde hier zum Schauplatz eines nationalen Traumas.
1965: Der Sturz in die Tiefe
Am 14. Oktober 1965 verschwand in der Ostantarktis ein Muskeg-Geländefahrzeug in einer rund 30 Meter tiefen Gletscherspalte. Die Forscher Jeremy Bailey, David Wild und John Wilson befanden sich in der Fahrerkabine. Nur ihr Begleiter John Ross überlebte machtlos, die Männer zu retten, während er ihre letzten Funksprüche hörte.
Starker Wind hatte den Riss mit Schnee bedeckt, die dünne blaue Linie im Eis blieb unbemerkt. Der Unfall zeigte drastisch, wie heimtückisch die Gefahren der Antarktis sind und wie unzureichend viele junge Forscher damals auf Extremsituationen vorbereitet waren.
1982: Verschollen im Sturm
Im August 1982 brachen Ambrose Morgan, Kevin Oakley und John Call zu einer kurzen Expedition auf eine Insel vor der Westantarktis auf. Ein Sturm zerstörte das Meereis und schnitt den Rückweg ab. Wochenlang hielten die Männer Funkkontakt zur Basis, während ihre Vorräte schwanden und die Lage sich verschlechterte.
Am 15. August brach der Funkkontakt ab. Ein weiterer Sturm zog auf, das Eis verschwand erneut. Die Männer wurden nie wieder gesehen. Wahrscheinlich brachen sie auf instabilem Eis ein und kamen im Meer um- Ihre Leichen blieben verschollen.
Trauer ohne Abschied
Für Freunde und Angehörige ist der Verlust in der Antarktis besonders schwer zu verarbeiten. Oft gibt es keine Leichen, keine Gräber, keinen Ort des Abschieds. Der britische Geophysiker Clifford Shelley verlor 1976 seine Kollegen bei einer Lawine; ihre Körper wurden nie gefunden. Andere, wie der Funker Ron Pinder, trauern Jahrzehnte später noch um Freunde, die fern der Heimat starben und im Eis begraben wurden.
Die harte Realität der Polarexpeditionen ließ kaum Raum für Trauer. Verluste wurden verdrängt, doch sie blieben im Unterbewusstsein präsent.
Ein geteiltes Denkmal
Heute erinnern Denkmäler an die Toten der Antarktis. Nahe dem Scott Polar Research Institute in Cambridge stehen zwei sich berührende Eichenpfähle. Ihr Gegenstück, ein zum Meer geneigter Metallpfeil, befindet sich in Port Stanley auf den Falklandinseln. Gemeinsam symbolisieren sie die Verbindung zwischen Heimat und dem fernen, rauen Kontinent.
Die Antarktis ist ein Ort überwältigender Schönheit und tödlicher Gleichgültigkeit. Die Geschichten ihrer Toten mahnen zur Demut. Sie haben dazu beigetragen, Expeditionen sicherer zu machen. Doch das Risiko bleibt. Der Eisfriedhof am Ende der Welt wächst weiter, langsam, lautlos, unter Schnee und Zeit begraben.
Heiner + Rosamaria Kubny, PolarJournal

